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Ein Haufen einarmiger Banditen
Medium:Süddeutsche
Datum: 10.08.1999
Atlantic City, das Spielerparadies an der amerikanischen Ostküste, versucht vor trüber Kulisse den Glanz vergangener Tage wiederzufinden

Zwei Geräusche sind es, die einem noch tagelang im Unterbewusstsein herumspuken. Die Kakophonie der einarmigen Banditen, die unter ohrenbetäubendem Klingeln und minutenlangem >=Pling, Pling, Pling hunderte Münzen ausspucken, und die grellen Schreie der Schwarzkopf-Möwen, die an der Strandpromenade von Atlantic City um Hamburger-Reste und andere Abfälle der Imbissbuden streiten.

In die amerikanische Psyche hat sich die Stadt in den Salzmarschen von New Jersey wie Las Vegas als Ort eingegraben, in dem man >=gambelt und sonst nichts. Dabei ist es erst 20 Jahre her, dass der Spielbetrieb aufgenommen und Atlantic City nach langem Dornröschen-Schlaf wieder auf die Entertainment-Landkarte Amerikas zurückbefördert wurde. Wer am New Yorker Busbahnhof ein Ticket in das Gambler-Mekka derOstküste verlangt, muss damit rechnen, dass die Dame am Greyhound-Schalter lange nach dem richtigen Preis sucht. Üblicherweise, so entschuldigt sie sich, lässt man sich die Fahrt nach Atlantic City von einem der Casinos finanzieren, die bemüht sind, ihre Kundschaft mit Freifahrt und Bons schon in den Metropolen New York und Philadelphia zu ködern .

Auf einem einsamen Parkplatz am Stadtrand werden die Freifahrer ausgeladen. Busse von >=Trump Taj Mahal, >=Sands und >=Oasis bringen die Kunden direkt in die Casinos, die sie bis Tagesanbruch oder länger nicht mehr verlassen werden. Die Stadt hüllt dichter Nebel ein, den die Wetterküche des Atlantik oft für diese Gegend zusammenbraut. Dahinter lassen sich die noblen Casinos und Hoteltürme in Umrissen erahnen. Auf verlassenen Straßen blinken Neon-Werbetafeln vor sich hin, Pfeile zeigen in den Nebel und suggerieren: >=Kommt, hier liegt das große Geld auf der Straße.

Von Marilyn Monroe gemieden

Erinnerungen an den Streifen >=Atlantic City aus dem Jahre 1980 werden wach. Damals zeigte der französische Regisseur Louis Malle Atlantic City als trübe Mega-Baustelle, an der die alten Hotelkästen der Vorkriegszeit Casinos Platz machten und Existenzen mit viel Pech im bisherigen Leben danach trachteten, ihren Biografien neuen Schwung zu verleihen. Nach einem kleinen Stück vom Kuchen streben der alternde Kleingangster Lou (Burt Lancaster) und Sally (Susan Sarandon), die als Croupière ausgebildet und in ein Drogengeschäft hineingezogen wird. Ironischerweise wird der Traum vom großen Geld über kriminelle Geschäfte wahr und nicht auf der Karriereleiter in der Casino-Branche. Als der Streifen gedreht wurde, waren die >=goldenen Zeiten schon 30 Jahre vorüber. Von 1880 an hatte sich Atlantic City zu einem Badeort für gestresste Städter entwickelt. New Yorker Bühnen unterzogen in den 20er Jahren ihre Broadway-Stücke und Shows dem >=Atlantic-City-Test. Die Vergnügungsmeile am Meer, der aus dicken Holzbohlen bestehende >=Boardwalk, brodelte über vor fragwürdigen Attraktionen und kümmerte sich keinen Deut um die einsetzende Prohibition. In die Auslage gestellt wurden siamesische Zwillinge, boxende Kängurus, Wasserski fahrende Hunde, Pferde mit Reitern, die aus 18 Metern Höhe in einen Pool springen, und dergleichen mehr.

Für neureiche Amerikaner und echte Stars war es geradezu Pflicht, in den Luxushotels und Clubs gesehen zu werden. In Mafia-Kreisen wiederum galt Atlantic City als Rückzugsgebiet, in dem blutige Fehden im Chicago-Stil zu unterbleiben hatten. Obergangster Al Capone ging 1929 als Verlierer aus dem landesweiten All-Mafia-Kongress hervor, zu dem sich die Mobster im noblen Ambassador Hotel einquartiert hatten. Heute würden sie sich wohl im hypermodernen, fünf Milliarden Mark teuren Kongress-Center treffen.

Als in den 50er Jahren Flugreisen nach Florida und in die Karibik für breitere Schichten erschwinglich wurden, ging es bergab mit Atlantic City. Von den einst 66 000 Einwohnern zu Zeiten des >=Jazz-Age zogen viele weg, Stars wie Marilyn Monroe mieden den Ort, der seinen Sex-Appeal verloren hatte. Wie in anderen Ostküstenstädten nahmen die sozialen Probleme überhand. Aus dieser Krise sollte das Glückspiel die Stadt wieder herausführen. 1978, zwei Jahre nach einem Referendum über die Einführung des Glücksspiels, öffnete mit dem >=Resorts International das erste Casino seine Pforten. Heute übersteigt die jährliche Zahl der Besucher die 37-Millionen-Grenze, Luxus-Casinos mit angeschlossenen 1000-Betten-Burgen gibt es mehr als ein Dutzend. Die Lage in einem Umkreis von knapp 500 Kilometern leben rund 100 Millionen Menschen und die zunehmende Akzeptanz von Glücksspielen in der vergnügungswütigen amerikanischen Gesellschaft, bildeten den Schlüssel zur Reanimation der versunkenen Stadt.

Unter der Woche sind die Hotels und Casinos halb leer. Es ist die Zeit der spielenden Rentner, die günstige Paketangebote nutzen, um den Alltag für die Glitzerwelt des Boardwalk einzutauschen. In einem Café erzählt eine ältere Dame zuerst auf Englisch, später in ihrer Muttersprache Deutsch ihre Lebensgeschichte. >=Ich komme alle paar Wochen von Long Island herunter, um ein bisschen zu spielen und Freunde zu treffen, sagt die gebürtige Österreicherin, die 1948 in die USA ausgewandert ist. In ihrer Erzählung klingt an, dass die Witwe hier gerne wieder einen Partner finden möchte. Kontakte scheinen die meisten älteren Semester zu suchen, wie hartgesottene Zocker wirken sie beileibe nicht. Abends wird man von Entertainern unterhalten, die schon bessere Zeiten gesehen haben.

Betteln stört die Geschäfte

Die Spielhöllen am Boardwalk, ob sie nun das indische Taj Mahal oder den Wilden Westen zum Leitthema erkoren haben, wirken durch die Bank eine Nummer kleiner und unglaubwürdiger als die Pendants in der fernen Wüstenstadt Las Vegas. Das mag daran liegen, dass der Abstand zur Gosse geringer ist: Einen halben Kilometer von den Glamour-Tempeln entfernt rosten in Baulücken Autowracks vor sich hin. Gleich daneben liegen die abgewohnten Mietskasernen derer, die nicht zu den Gewinnern des Booms zählen. Von Bettlern wird man mitunter um Wechselgeld angegangen. Die omnipräsente Polizei geht gegen derart geschäftsstörendes Verhalten auf dem Boardwalk energisch vor.

Die Konkurrenz sitzt Atlantic City mittlerweile wieder dicht im Nacken. Vor allem die in den letzten Jahren im Osten der USA auf Indianerland aus dem Boden geschossenen Casinos könnten der Stadt wichtige Anteile am Geschäft kosten. Der Milliardär Donald Trump, der an mehreren Glücksspielkomplexen beteiligt ist und als ungekrönter König von Atlantic City gilt, schimpft im Fernsehen schon mal, dass >=heutzutage schon fast jeder ein Indianer sein will, um ein Casino aufmachen zu können. Erfreulicherweise kann man in einigen seiner Casinos Slotmaschinen um ganze fünf Cent knapp zehn Pfennig bedienen. Jeder noch so kleine Gelegenheitsspieler mit Baseballkappe und Turnschuhen wird vom Personal wie ein Chef behandelt. Gut betuchte Zocker lassen sich dagegen in gediegeneren Extra-Suiten ausnehmen. Mit Glücksspielen jeder Art werden in den USA jährlich 50 Milliarden Dollar Bruttoeinnahmen erzielt. Wie New Jersey machen die Bundesstaaten ihren Schnitt und pumpen auch zur Gewissensberuhigung Erträge in Wirtschafts- oder Sozialprojekte, die breiteren Schichten zugute kommen sollen. In Atlantic City jedenfalls ist abseits der Glitzermeile wenig davon zu sehen.

Mit Argusaugen wachen eigene Aufsichtsorgane darüber, dass die Einnahmen nicht in dunkle Kanäle versickern und mit Jetons keine Geldwäsche betrieben wird. Das halbseidene Image, das dem Gewerbe lange anhaftete, hat der reinen Geldvermehrung Platz gemacht. Auch für die Politik geht es dabei um einiges. Eine vom Kongress in Auftrag gegebene Studie besagt, dass an der Glücksspielindustrie direkt oder indirekt 700 000 Jobs hängen. Die Kehrseite: Rund drei Millionen US-Bürger haben ein pathologisches >=Gambling-Problem und fallen über kurz oder lang der Allgemeinheit wieder auf die Tasche.

Im Gegensatz zu Las Vegas ist Atlantic City noch zu keiner >=Familien-Destination geworden, die auch abseits der Casinos atemberaubende Attraktionen bieten könnte. Hard-Rock-Cafes und Planet-Hollywood-Restaurants reißen niemanden mehr vom Hocker. Es fehlt an wirklich bombastischem Kitsch, Unterhaltungsparks und Shopping-Malls. Kein Wunder, dass die Gäste weniger lang bleiben und weniger Geld liegen lassen als in der Wüste Nevadas.

Samstagnacht ist die leicht melancholische Stimmung der Wochentage verflogen. Vor den Slot-Maschinen ist kaum mehr ein Platz zu bekommen, Junge und Alte mit großen Plastik-Bechern voll Münzen in der Hand bedienen verbissen die Hebel und Knöpfe, starren auf die Symbole der Anzeigetafeln und jubeln frenetisch wie Football-Fans, wenn über ihnen eine Lampe aufleuchtet und es zu klingeln beginnt. Hochbetrieb herrscht dann an den Roulette- und Blackjack-Tischen mit ihren wieselflinken Croupiers.

Überreizt vom akustischen und visuellen Flächenbombardement bleibt nur die Flucht nach vorn, in die Nacht hinaus. Erstmals seit Tagen hat sich der Nebel verzogen und lässt einen Blick auf die sympathisch wirkende Skyline von Atlantic City zu. Eine leichte Brise treibt vom Meer würzige Salzluft heran. Diese Luft könne Rheumatismus, Ekzeme und Geistesschwäche heilen, priesen PR-Strategen Ende des 19. Jahrhunderts die aufstrebende Stadt. Nun, es gibt kein wahres Leben im Gambeln, und die Meeresluft unter einem klaren Sternenhimmel hilft einem, das sicher zu erkennen. Stefan Spath

INFORMATIONEN: New Atlantic-City Convention Center, 2001 Kirkman Blvd., Atlantic-City, New Jersey 08401, Tel. 001-60 94 49/20 00, Fax /20 90. Umfassend ist der Service-Teil des >=Atlantic City Net unter www.atlantic-city.net/

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