Atlantic City, das Spielerparadies an der amerikanischen Ostküste,
versucht vor trüber Kulisse den Glanz vergangener Tage wiederzufinden
Zwei Geräusche sind es, die einem noch tagelang im Unterbewusstsein
herumspuken. Die Kakophonie der einarmigen Banditen, die unter
ohrenbetäubendem Klingeln und minutenlangem >=Pling, Pling, Pling
hunderte Münzen ausspucken, und die grellen Schreie der Schwarzkopf-Möwen,
die an der Strandpromenade von Atlantic City um Hamburger-Reste
und andere Abfälle der Imbissbuden streiten.
In die amerikanische Psyche hat sich die Stadt in den Salzmarschen
von New Jersey wie Las Vegas als Ort eingegraben, in dem man >=gambelt
und sonst nichts. Dabei ist es erst 20 Jahre her, dass der Spielbetrieb
aufgenommen und Atlantic City nach langem Dornröschen-Schlaf wieder
auf die Entertainment-Landkarte Amerikas zurückbefördert wurde.
Wer am New Yorker Busbahnhof ein Ticket in das Gambler-Mekka derOstküste
verlangt, muss damit rechnen, dass die Dame am Greyhound-Schalter
lange nach dem richtigen Preis sucht. Üblicherweise, so entschuldigt
sie sich, lässt man sich die Fahrt nach Atlantic City von einem
der Casinos finanzieren, die bemüht sind, ihre Kundschaft mit
Freifahrt und Bons schon in den Metropolen New York und Philadelphia
zu ködern .
Auf einem einsamen Parkplatz am Stadtrand werden die Freifahrer
ausgeladen. Busse von >=Trump Taj Mahal, >=Sands und >=Oasis bringen
die Kunden direkt in die Casinos, die sie bis Tagesanbruch oder
länger nicht mehr verlassen werden. Die Stadt hüllt dichter Nebel
ein, den die Wetterküche des Atlantik oft für diese Gegend zusammenbraut.
Dahinter lassen sich die noblen Casinos und Hoteltürme in Umrissen
erahnen. Auf verlassenen Straßen blinken Neon-Werbetafeln vor
sich hin, Pfeile zeigen in den Nebel und suggerieren: >=Kommt,
hier liegt das große Geld auf der Straße.
Von Marilyn Monroe gemieden
Erinnerungen an den Streifen >=Atlantic City aus dem Jahre 1980
werden wach. Damals zeigte der französische Regisseur Louis Malle
Atlantic City als trübe Mega-Baustelle, an der die alten Hotelkästen
der Vorkriegszeit Casinos Platz machten und Existenzen mit viel
Pech im bisherigen Leben danach trachteten, ihren Biografien neuen
Schwung zu verleihen. Nach einem kleinen Stück vom Kuchen streben
der alternde Kleingangster Lou (Burt Lancaster) und Sally (Susan
Sarandon), die als Croupière ausgebildet und in ein Drogengeschäft
hineingezogen wird. Ironischerweise wird der Traum vom großen
Geld über kriminelle Geschäfte wahr und nicht auf der Karriereleiter
in der Casino-Branche. Als der Streifen gedreht wurde, waren die
>=goldenen Zeiten schon 30 Jahre vorüber. Von 1880 an hatte sich
Atlantic City zu einem Badeort für gestresste Städter entwickelt.
New Yorker Bühnen unterzogen in den 20er Jahren ihre Broadway-Stücke
und Shows dem >=Atlantic-City-Test. Die Vergnügungsmeile am Meer,
der aus dicken Holzbohlen bestehende >=Boardwalk, brodelte über
vor fragwürdigen Attraktionen und kümmerte sich keinen Deut um
die einsetzende Prohibition. In die Auslage gestellt wurden siamesische
Zwillinge, boxende Kängurus, Wasserski fahrende Hunde, Pferde
mit Reitern, die aus 18 Metern Höhe in einen Pool springen, und
dergleichen mehr.
Für neureiche Amerikaner und echte Stars war es geradezu Pflicht,
in den Luxushotels und Clubs gesehen zu werden. In Mafia-Kreisen
wiederum galt Atlantic City als Rückzugsgebiet, in dem blutige
Fehden im Chicago-Stil zu unterbleiben hatten. Obergangster Al
Capone ging 1929 als Verlierer aus dem landesweiten All-Mafia-Kongress
hervor, zu dem sich die Mobster im noblen Ambassador Hotel einquartiert
hatten. Heute würden sie sich wohl im hypermodernen, fünf Milliarden
Mark teuren Kongress-Center treffen.
Als in den 50er Jahren Flugreisen nach Florida und in die Karibik
für breitere Schichten erschwinglich wurden, ging es bergab mit
Atlantic City. Von den einst 66 000 Einwohnern zu Zeiten des >=Jazz-Age
zogen viele weg, Stars wie Marilyn Monroe mieden den Ort, der
seinen Sex-Appeal verloren hatte. Wie in anderen Ostküstenstädten
nahmen die sozialen Probleme überhand. Aus dieser Krise sollte
das Glückspiel die Stadt wieder herausführen. 1978, zwei Jahre
nach einem Referendum über die Einführung des Glücksspiels, öffnete
mit dem >=Resorts International das erste Casino seine Pforten.
Heute übersteigt die jährliche Zahl der Besucher die 37-Millionen-Grenze,
Luxus-Casinos mit angeschlossenen 1000-Betten-Burgen gibt es mehr
als ein Dutzend. Die Lage in einem Umkreis von knapp 500 Kilometern
leben rund 100 Millionen Menschen und die zunehmende Akzeptanz
von Glücksspielen in der vergnügungswütigen amerikanischen Gesellschaft,
bildeten den Schlüssel zur Reanimation der versunkenen Stadt.
Unter der Woche sind die Hotels und Casinos halb leer. Es ist
die Zeit der spielenden Rentner, die günstige Paketangebote nutzen,
um den Alltag für die Glitzerwelt des Boardwalk einzutauschen.
In einem Café erzählt eine ältere Dame zuerst auf Englisch, später
in ihrer Muttersprache Deutsch ihre Lebensgeschichte. >=Ich komme
alle paar Wochen von Long Island herunter, um ein bisschen zu
spielen und Freunde zu treffen, sagt die gebürtige Österreicherin,
die 1948 in die USA ausgewandert ist. In ihrer Erzählung klingt
an, dass die Witwe hier gerne wieder einen Partner finden möchte.
Kontakte scheinen die meisten älteren Semester zu suchen, wie
hartgesottene Zocker wirken sie beileibe nicht. Abends wird man
von Entertainern unterhalten, die schon bessere Zeiten gesehen
haben.
Betteln stört die Geschäfte
Die Spielhöllen am Boardwalk, ob sie nun das indische Taj Mahal
oder den Wilden Westen zum Leitthema erkoren haben, wirken durch
die Bank eine Nummer kleiner und unglaubwürdiger als die Pendants
in der fernen Wüstenstadt Las Vegas. Das mag daran liegen, dass
der Abstand zur Gosse geringer ist: Einen halben Kilometer von
den Glamour-Tempeln entfernt rosten in Baulücken Autowracks vor
sich hin. Gleich daneben liegen die abgewohnten Mietskasernen
derer, die nicht zu den Gewinnern des Booms zählen. Von Bettlern
wird man mitunter um Wechselgeld angegangen. Die omnipräsente
Polizei geht gegen derart geschäftsstörendes Verhalten auf dem
Boardwalk energisch vor.
Die Konkurrenz sitzt Atlantic City mittlerweile wieder dicht im
Nacken. Vor allem die in den letzten Jahren im Osten der USA auf
Indianerland aus dem Boden geschossenen Casinos könnten der Stadt
wichtige Anteile am Geschäft kosten. Der Milliardär Donald Trump,
der an mehreren Glücksspielkomplexen beteiligt ist und als ungekrönter
König von Atlantic City gilt, schimpft im Fernsehen schon mal,
dass >=heutzutage schon fast jeder ein Indianer sein will, um
ein Casino aufmachen zu können. Erfreulicherweise kann man in
einigen seiner Casinos Slotmaschinen um ganze fünf Cent knapp
zehn Pfennig bedienen. Jeder noch so kleine Gelegenheitsspieler
mit Baseballkappe und Turnschuhen wird vom Personal wie ein Chef
behandelt. Gut betuchte Zocker lassen sich dagegen in gediegeneren
Extra-Suiten ausnehmen. Mit Glücksspielen jeder Art werden in
den USA jährlich 50 Milliarden Dollar Bruttoeinnahmen erzielt.
Wie New Jersey machen die Bundesstaaten ihren Schnitt und pumpen
auch zur Gewissensberuhigung Erträge in Wirtschafts- oder Sozialprojekte,
die breiteren Schichten zugute kommen sollen. In Atlantic City
jedenfalls ist abseits der Glitzermeile wenig davon zu sehen.
Mit Argusaugen wachen eigene Aufsichtsorgane darüber, dass die
Einnahmen nicht in dunkle Kanäle versickern und mit Jetons keine
Geldwäsche betrieben wird. Das halbseidene Image, das dem Gewerbe
lange anhaftete, hat der reinen Geldvermehrung Platz gemacht.
Auch für die Politik geht es dabei um einiges. Eine vom Kongress
in Auftrag gegebene Studie besagt, dass an der Glücksspielindustrie
direkt oder indirekt 700 000 Jobs hängen. Die Kehrseite: Rund
drei Millionen US-Bürger haben ein pathologisches >=Gambling-Problem
und fallen über kurz oder lang der Allgemeinheit wieder auf die
Tasche.
Im Gegensatz zu Las Vegas ist Atlantic City noch zu keiner >=Familien-Destination
geworden, die auch abseits der Casinos atemberaubende Attraktionen
bieten könnte. Hard-Rock-Cafes und Planet-Hollywood-Restaurants
reißen niemanden mehr vom Hocker. Es fehlt an wirklich bombastischem
Kitsch, Unterhaltungsparks und Shopping-Malls. Kein Wunder, dass
die Gäste weniger lang bleiben und weniger Geld liegen lassen
als in der Wüste Nevadas.
Samstagnacht ist die leicht melancholische Stimmung der Wochentage
verflogen. Vor den Slot-Maschinen ist kaum mehr ein Platz zu bekommen,
Junge und Alte mit großen Plastik-Bechern voll Münzen in der Hand
bedienen verbissen die Hebel und Knöpfe, starren auf die Symbole
der Anzeigetafeln und jubeln frenetisch wie Football-Fans, wenn
über ihnen eine Lampe aufleuchtet und es zu klingeln beginnt.
Hochbetrieb herrscht dann an den Roulette- und Blackjack-Tischen
mit ihren wieselflinken Croupiers.
Überreizt vom akustischen und visuellen Flächenbombardement bleibt
nur die Flucht nach vorn, in die Nacht hinaus. Erstmals seit Tagen
hat sich der Nebel verzogen und lässt einen Blick auf die sympathisch
wirkende Skyline von Atlantic City zu. Eine leichte Brise treibt
vom Meer würzige Salzluft heran. Diese Luft könne Rheumatismus,
Ekzeme und Geistesschwäche heilen, priesen PR-Strategen Ende des
19. Jahrhunderts die aufstrebende Stadt. Nun, es gibt kein wahres
Leben im Gambeln, und die Meeresluft unter einem klaren Sternenhimmel
hilft einem, das sicher zu erkennen. Stefan Spath
INFORMATIONEN: New Atlantic-City Convention Center, 2001 Kirkman
Blvd., Atlantic-City, New Jersey 08401, Tel. 001-60 94 49/20 00,
Fax /20 90. Umfassend ist der Service-Teil des >=Atlantic City
Net unter www.atlantic-city.net/
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