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Neuer Lotto-Gigant im Turf
Medium:Süddeutsche Zeitung
Datum: 02.12.1999
Not macht erfinderisch

Deutschlands Turfrennsport steht vor dem größten Projekt der jüngeren Geschichte. Not macht erfinderisch, und fast alle deutschen Trab- und Galopprennveranstalter leiden derzeit Not. Die Ursachen sind vielfältig: ein steinaltes Rennwettgesetz aus dem Jahre 1922, steigende Kosten und die starke Zunahme der Wetten von außerhalb über 110 Läden von Rennvereinen und Buchmachern, die Telewette, steuerfreie Internet-Wetten und Verbindungen mit Abgabe-Oasen wie Gibraltar und der Isle of Man.

Nachdem jahrelange Verhandlungen mit Lottomanagern in Münster, Köln und Hamburg nicht fruchteten, sind die Rennvereine nun eine Ehe mit dem italienischen Lotto-Giganten Sisal eingegangen, der im eigenen Lande in 15000 Läden etwa fünf Milliarden Mark umsetzt. Deutschlands Wettumsatz liegt derzeit offiziell bei ca. 890 Millionen. Exakt 50 Prozent aller Wettumsätze auf hiesigen Galopprennbahnen sind 1999 über Außenwetten und nicht mehr direkt auf den Bahnen abgeschlossen worden.

Sisal Deutschland mit dem Sitz in Essen will 2500 Läden eröffnen, 400 schon im nächsten Jahr. Eine Bedingung: Es wird künftig täglich in Deutschland irgendwo Pferderennen geben. Für die Traber Problem, der Galopper-Terminplan für das Jahr 2000 musste gestreckt werden. Nach einer Meldung über den Sisal-Plan standen die Telefone bei den Marketing-Managern des Turfs nicht still. Von überall meldeten sich Kneipiers und Bistrobetreiber, die Pferdewetten verkaufen wollen. Zwei Pilotprojekte mit Rennvereins-Bistros in Wuppertal und Düsseldorf liefen allerdings dürftig an. Neues und bislang unbekanntes Publikum erschien nur selten in den beiden Läden. Die Sisal-Manager (das Unternehmen befindet sich noch im Besitz der Familie Molo, der Verkauf an den Strom-Konzern Enel steht aber bevor) wollen das flächendeckend ändern. Weltweit liegt Deutschland mit 110 Ländern an letzter Stelle. Frankreich mit 8500 PMU-Läden und Italien mit 1400 Sisal-Bistros sind die Vorbilder, selbst die kleine Schweiz hat 110 Läden zu bieten.

Galopp-Chefmanager Christoph Berglar: "Ohne eine Ausweitung des Vertriebsnetzes ist die Existenz und damit die Erhaltung der deutschen Vollblutzucht akut gefährdet."

Jens Kleuser


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