Not macht erfinderisch Deutschlands Turfrennsport steht vor dem größten
Projekt der jüngeren Geschichte. Not macht
erfinderisch, und fast alle deutschen Trab- und
Galopprennveranstalter leiden derzeit Not. Die
Ursachen sind vielfältig: ein steinaltes
Rennwettgesetz aus dem Jahre 1922, steigende
Kosten und die starke Zunahme der Wetten von
außerhalb über 110 Läden von Rennvereinen und
Buchmachern, die Telewette, steuerfreie
Internet-Wetten und Verbindungen mit
Abgabe-Oasen wie Gibraltar und der Isle of Man.
Nachdem jahrelange Verhandlungen mit
Lottomanagern in Münster, Köln und Hamburg
nicht fruchteten, sind die Rennvereine nun eine Ehe
mit dem italienischen Lotto-Giganten Sisal
eingegangen, der im eigenen Lande in 15000
Läden etwa fünf Milliarden Mark umsetzt.
Deutschlands Wettumsatz liegt derzeit offiziell bei
ca. 890 Millionen. Exakt 50 Prozent aller
Wettumsätze auf hiesigen Galopprennbahnen sind
1999 über Außenwetten und nicht mehr direkt auf
den Bahnen abgeschlossen worden.
Sisal Deutschland mit dem Sitz in Essen will 2500
Läden eröffnen, 400 schon im nächsten Jahr. Eine
Bedingung: Es wird künftig täglich in Deutschland
irgendwo Pferderennen geben. Für die Traber
Problem, der Galopper-Terminplan für das Jahr
2000 musste gestreckt werden. Nach einer
Meldung über den Sisal-Plan standen die Telefone
bei den Marketing-Managern des Turfs nicht still.
Von überall meldeten sich Kneipiers und
Bistrobetreiber, die Pferdewetten verkaufen wollen.
Zwei Pilotprojekte mit Rennvereins-Bistros in
Wuppertal und Düsseldorf liefen allerdings dürftig
an. Neues und bislang unbekanntes Publikum
erschien nur selten in den beiden Läden. Die
Sisal-Manager (das Unternehmen befindet sich noch
im Besitz der Familie Molo, der Verkauf an den
Strom-Konzern Enel steht aber bevor) wollen das
flächendeckend ändern. Weltweit liegt Deutschland
mit 110 Ländern an letzter Stelle. Frankreich mit
8500 PMU-Läden und Italien mit 1400
Sisal-Bistros sind die Vorbilder, selbst die kleine
Schweiz hat 110 Läden zu bieten.
Galopp-Chefmanager Christoph Berglar: "Ohne
eine Ausweitung des Vertriebsnetzes ist die Existenz
und damit die Erhaltung der deutschen Vollblutzucht
akut gefährdet."
Jens Kleuser