Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Heimlicher Poker um die Zukunft der Schweizer Spielbanken
Medium:Basler Zeitung
Datum: 16.11.1999
Von Barbara Hofmann

Am 1. April 2000 soll das Spielbankengesetz in Kraft treten. Dann können Casinobetreiber und solche, die es werden wollen, ihre Anträge für Betriebsbewilligungen stellen. Schon jetzt werden hinter den Kulissen intensiv die Karten gemischt. Im Tessin entsteht das künftige Las Vegas der Schweiz - aber auch die Region Basel spielt mit beim grossen Poker.

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Da hatten die beiden Städte Lugano und Locarno sich letztes Jahr zu einem Joint Venture zusammengeschlossen, um gemeinsam einen Antrag für eine Spielbankenlizenz zu stellen. Sollte eine der beiden Städte den Zuschlag erhalten, wollte man den Gewinn teilen. Doch was in Minne begann, endete ein Jahr später mit dem beidseitigen Versuch fremdzugehen: Lugano bandelte vorsichtig mit dem Casino Mendrisio an. In Locarno machte sich Ex-Nationalrat Gianfranco Cotti, Mitinhaber des Grandhotels Locarno, stark für ein Casino in seinem Hotel.

In die auseinanderdriftende Allianz der beiden Kursaalbetreiberinnen platzte Ende Oktober wie weiland Aschenbrödel an des Königs Fest die Stadt Chiasso, die bislang im Wettbewerb um Spielbanklizenzen überhaupt nicht mitgemischt hatte. Die Leaderin im helvetischen Spielbankenmarkt, die Swiss-Casinos AG, präsentierte ein neues Projekt, das nicht nur den Tessinern, sondern allen bisherigen nationalen Entwürfen den Rang ablaufen dürfte. Direkt hinter der Grenze neben der Autobahn soll ein neues Casino gebaut und an Silvester 2002 eröffnet werden. Der futuristische Bau soll um die 90 Mio. Franken kosten und pro Jahr 180 Mio. Franken einspielen. 40 Grands-Jeux-Tische und 500 Slotmachines sollen die Basis für 400 neue Arbeitsplätze liefern. Läden, ein Theatersaal und eine Enothek mit Tessiner Weinen sollen den Charakter eines Vergnügungszentrums betonen. Und als Kundenpotenzial haben die Betreiber neben dem Tessin vor allem das über sieben Millionen Einwohner umfassende Einzugsgebiet Norditalien im Blick. Bisher waren Schweizer Spiellustige, wenn es sie zum Laster am grünen Tisch zog, darauf angewiesen, dies ausserhalb der Schweiz zu tun - es sei denn, sie beschränkten sich auf einen Einsatz von maximal fünf Franken. Da man sich seitens des Bundes die ins Ausland abfliessenden Millionen nicht mehr entgehen lassen wollte, galt es, eine griffige Gesetzesänderung zu finden. Vor sechs Jahren, im März 1993, hob das Schweizervolk das bis anhin geltende Spielbankenverbot auf. Danach kam es in der Schweiz erstmals zu einem heftigen Kursaal- und Spielautomatenboom. Die Einführung der Grands-Jeux verzögerte sich indes, weil Bund, Kantone und Casinobetreiber keine Einigung über die Besteuerung erzielten. Nach mehrmaligem Verschieben soll die entsprechende Verordnung nun auf den 1. April 2000 in Kraft treten.

Kampf gegen die Geldwäscherei

Es geht um viel Geld, und das versetzt ganz Helvetien ins Casinofieber. Ab 1. April können in Bern die Lizenzanträge für Grands-Casinos mit Tischspielen und Glücksspielautomaten ohne Beschränkung des Höchsteinsatzes (Konzession A) sowie für Kursäle mit Slotmachines und Miniroulette (Konzession B) gestellt werden. Die Bewerbungen prüfen wird die Eidgenössische Spielbankenkommission, entscheiden wird der Bundesrat. Die Prüfungskriterien sind im Gesetzestext erwähnt: Die künftigen Spielbanken müssen einen sicheren und transparenten Betrieb gewährleisten, der Kriminalität und Geldwäscherei verhindert. Zudem müssen sie die Spielsucht bekämpfen sowie das kulturelle Leben und den Tourismus fördern. Last not least sollen sie Bund und Kantonen einen grossen Steuerbatzen verschaffen. Doch genau diese Besteuerungsregelung ist bis anhin nicht gelöst. 150 Millionen Franken zusätzliche Steuereinnahmen verspricht sich der Bund von der Spielbankeneröffnung. Sie sollen die AHV-Kasse aufstocken. Ein erster Besteuerungsvorschlag hatte bei der Branche und den Standortkantonen jedoch keine Chance. Letzte Woche haben beide Seiten einen überarbeiteten Vorschlag des Departementes Metzler begutachtet. Zwei Varianten stehen zur Auswahl: Die erste, progressive Variante sieht einen Basisabgabesatz von 40 Prozent des Bruttospielertrags für beide Spielbanktypen vor. Sollte der Verdienst der Grands Casinos 20 Millionen übersteigen, steigt der Satz pro zusätzliche Million um ein halbes Prozent - bis zu einem Limit von 80 Prozent. Die zweite, lineare Variante sieht einen Steuersatz von 60 Prozent auf dem Bruttogewinn der Casinos und von 50 Prozent auf jenem der Kursäle vor. Während man sich bei der Sektion Glücksspiele des Bundesamts für Polizeiwesen vorsichtig optimistisch zeigt, was die Realisierung dieser Modelle angeht, äusserten sich Vertreter der Kursaalverbände bis anhin eher skeptisch.

Bis zu 500 Millionen Umsatz?

Eines steht fest: Die Kuh, die da gemolken werden soll, gibt trotz aller potenziellen künftigen Abgaben an den Staat noch genug Milch, dass sie rentiert. Laut Kursaalverband werden in der Branche heute 250 Millionen Franken umgesetzt. Wenn erstmal Kugeln in den Grands-Jeus-rollen, wird der Umsatz leicht auf das Doppelte steigen. So werden derzeit fieberhaft Allianzen gesucht, Standorte ausgeklügelt und Rentabilitäten abgewogen. Bislang geht man davon aus, dass jedes Grands-Jeux Spielcasino einen Einzugsbereich von einer Million Einwohner haben sollte, damit es rentiert. Das heisst, dass sechs Häuser für die Schweiz genügen, sieht man einmal davon ab, dass Chiasso ein Magnet fürs spielfreudige Italien sein soll. Eine interessenunabhängige Rentabilitätsstudie für das Schweizer Einzugsgebiet wurde bis anhin jedoch nie durchgeführt. Wer in der Branche Bedenken hat, teilt diese möglichst leise mit. So warnte letztes Jahr Jean-Marc Hensch von der potenziellen Betreiberin "Casino Zürich Spiele": "In der Schweiz gibt es noch keine Casino-Kultur." Allein aus dem Tessin, dem Las Vegas der Schweiz, dürften dessen ungeachtet mindestens fünf Bewilligungsanträge (Locarno, Lugano, Mendrisio, Chiasso und Bellinzona) in Bern eintreffen. Hier kommt bereits auf 60 000 Einwohner ein Kursaal - in Italien ist das Verhältnis 1:15 Mio., in Deutschland 1:1,8 Mio. Einwohner. Zudem steht mitten im Tessin, in der italienischen Enklave Campione d'Italia, bereits ein Grands-Jeux-Casino, das derzeit vergrössert und renoviert wird. Beim Bundesamt für Polizeiwesen rechnet man mit insgesamt zwischen zwanzig und fünfzig Lizenzanträgen. Laut Schätzungen von Branchenkennern liegen jedoch noch mehr Anträge in den Aktenschränken von potenziellen Betreibern parat. Da bei einer derart grossen Konkurrenz nur potente Bewerber eine Chance haben, zeigen die einen möglichst früh Flagge und werfen sich die einen mit entsprechend dezidiert ausformulierten Projekten - siehe Chiasso - ins Rennen. Andere lieben es, das Kaninchen erst im letzten Moment aus dem Hut zu zaubern.0


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99