Von Barbara HofmannAm 1. April 2000 soll das
Spielbankengesetz in Kraft treten. Dann
können Casinobetreiber und solche, die es
werden wollen, ihre Anträge für
Betriebsbewilligungen stellen. Schon jetzt
werden hinter den Kulissen intensiv die
Karten gemischt. Im Tessin entsteht das
künftige Las Vegas der Schweiz - aber
auch die Region Basel spielt mit beim
grossen Poker.
Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte.
Da hatten die beiden Städte Lugano und
Locarno sich letztes Jahr zu einem Joint
Venture zusammengeschlossen, um
gemeinsam einen Antrag für eine
Spielbankenlizenz zu stellen. Sollte eine der
beiden Städte den Zuschlag erhalten, wollte
man den Gewinn teilen. Doch was in Minne
begann, endete ein Jahr später mit dem
beidseitigen Versuch fremdzugehen: Lugano
bandelte vorsichtig mit dem Casino Mendrisio
an. In Locarno machte sich Ex-Nationalrat
Gianfranco Cotti, Mitinhaber des Grandhotels
Locarno, stark für ein Casino in seinem Hotel.
In die auseinanderdriftende Allianz der beiden
Kursaalbetreiberinnen platzte Ende Oktober wie
weiland Aschenbrödel an des Königs Fest die
Stadt Chiasso, die bislang im Wettbewerb um
Spielbanklizenzen überhaupt nicht mitgemischt
hatte. Die Leaderin im helvetischen
Spielbankenmarkt, die Swiss-Casinos AG,
präsentierte ein neues Projekt, das nicht nur
den Tessinern, sondern allen bisherigen
nationalen Entwürfen den Rang ablaufen dürfte.
Direkt hinter der Grenze neben der Autobahn
soll ein neues Casino gebaut und an Silvester
2002 eröffnet werden. Der futuristische Bau soll
um die 90 Mio. Franken kosten und pro Jahr
180 Mio. Franken einspielen. 40
Grands-Jeux-Tische und 500 Slotmachines
sollen die Basis für 400 neue Arbeitsplätze
liefern. Läden, ein Theatersaal und eine
Enothek mit Tessiner Weinen sollen den
Charakter eines Vergnügungszentrums
betonen. Und als Kundenpotenzial haben die
Betreiber neben dem Tessin vor allem das über
sieben Millionen Einwohner umfassende
Einzugsgebiet Norditalien im Blick.
Bisher waren Schweizer Spiellustige, wenn es
sie zum Laster am grünen Tisch zog, darauf
angewiesen, dies ausserhalb der Schweiz zu
tun - es sei denn, sie beschränkten sich auf
einen Einsatz von maximal fünf Franken. Da
man sich seitens des Bundes die ins Ausland
abfliessenden Millionen nicht mehr entgehen
lassen wollte, galt es, eine griffige
Gesetzesänderung zu finden. Vor sechs
Jahren, im März 1993, hob das Schweizervolk
das bis anhin geltende Spielbankenverbot auf.
Danach kam es in der Schweiz erstmals zu
einem heftigen Kursaal- und
Spielautomatenboom. Die Einführung der
Grands-Jeux verzögerte sich indes, weil Bund,
Kantone und Casinobetreiber keine Einigung
über die Besteuerung erzielten. Nach
mehrmaligem Verschieben soll die
entsprechende Verordnung nun auf den 1. April
2000 in Kraft treten.
Kampf gegen die Geldwäscherei
Es geht um viel Geld, und das versetzt ganz
Helvetien ins Casinofieber. Ab 1. April können in
Bern die Lizenzanträge für Grands-Casinos mit
Tischspielen und Glücksspielautomaten ohne
Beschränkung des Höchsteinsatzes
(Konzession A) sowie für Kursäle mit
Slotmachines und Miniroulette (Konzession B)
gestellt werden. Die Bewerbungen prüfen wird
die Eidgenössische Spielbankenkommission,
entscheiden wird der Bundesrat. Die
Prüfungskriterien sind im Gesetzestext
erwähnt: Die künftigen Spielbanken müssen
einen sicheren und transparenten Betrieb
gewährleisten, der Kriminalität und
Geldwäscherei verhindert. Zudem müssen sie
die Spielsucht bekämpfen sowie das kulturelle
Leben und den Tourismus fördern. Last not
least sollen sie Bund und Kantonen einen
grossen Steuerbatzen verschaffen.
Doch genau diese Besteuerungsregelung ist bis
anhin nicht gelöst. 150 Millionen Franken
zusätzliche Steuereinnahmen verspricht sich
der Bund von der Spielbankeneröffnung. Sie
sollen die AHV-Kasse aufstocken. Ein erster
Besteuerungsvorschlag hatte bei der Branche
und den Standortkantonen jedoch keine
Chance. Letzte Woche haben beide Seiten
einen überarbeiteten Vorschlag des
Departementes Metzler begutachtet. Zwei
Varianten stehen zur Auswahl: Die erste,
progressive Variante sieht einen
Basisabgabesatz von 40 Prozent des
Bruttospielertrags für beide Spielbanktypen vor.
Sollte der Verdienst der Grands Casinos 20
Millionen übersteigen, steigt der Satz pro
zusätzliche Million um ein halbes Prozent - bis
zu einem Limit von 80 Prozent. Die zweite,
lineare Variante sieht einen Steuersatz von 60
Prozent auf dem Bruttogewinn der Casinos und
von 50 Prozent auf jenem der Kursäle vor.
Während man sich bei der Sektion
Glücksspiele des Bundesamts für Polizeiwesen
vorsichtig optimistisch zeigt, was die
Realisierung dieser Modelle angeht, äusserten
sich Vertreter der Kursaalverbände bis anhin
eher skeptisch.
Bis zu 500 Millionen Umsatz?
Eines steht fest: Die Kuh, die da gemolken
werden soll, gibt trotz aller potenziellen
künftigen Abgaben an den Staat noch genug
Milch, dass sie rentiert. Laut Kursaalverband
werden in der Branche heute 250 Millionen
Franken umgesetzt. Wenn erstmal Kugeln in
den Grands-Jeus-rollen, wird der Umsatz leicht
auf das Doppelte steigen. So werden derzeit
fieberhaft Allianzen gesucht, Standorte
ausgeklügelt und Rentabilitäten abgewogen.
Bislang geht man davon aus, dass jedes
Grands-Jeux Spielcasino einen Einzugsbereich
von einer Million Einwohner haben sollte, damit
es rentiert. Das heisst, dass sechs Häuser für
die Schweiz genügen, sieht man einmal davon
ab, dass Chiasso ein Magnet fürs spielfreudige
Italien sein soll. Eine interessenunabhängige
Rentabilitätsstudie für das Schweizer
Einzugsgebiet wurde bis anhin jedoch nie
durchgeführt. Wer in der Branche Bedenken
hat, teilt diese möglichst leise mit. So warnte
letztes Jahr Jean-Marc Hensch von der
potenziellen Betreiberin "Casino Zürich Spiele":
"In der Schweiz gibt es noch keine
Casino-Kultur."
Allein aus dem Tessin, dem Las Vegas der
Schweiz, dürften dessen ungeachtet
mindestens fünf Bewilligungsanträge (Locarno,
Lugano, Mendrisio, Chiasso und Bellinzona) in
Bern eintreffen. Hier kommt bereits auf 60 000
Einwohner ein Kursaal - in Italien ist das
Verhältnis 1:15 Mio., in Deutschland 1:1,8 Mio.
Einwohner. Zudem steht mitten im Tessin, in
der italienischen Enklave Campione d'Italia,
bereits ein Grands-Jeux-Casino, das derzeit
vergrössert und renoviert wird.
Beim Bundesamt für Polizeiwesen rechnet man
mit insgesamt zwischen zwanzig und fünfzig
Lizenzanträgen. Laut Schätzungen von
Branchenkennern liegen jedoch noch mehr
Anträge in den Aktenschränken von
potenziellen Betreibern parat. Da bei einer
derart grossen Konkurrenz nur potente
Bewerber eine Chance haben, zeigen die einen
möglichst früh Flagge und werfen sich die einen
mit entsprechend dezidiert ausformulierten
Projekten - siehe Chiasso - ins Rennen. Andere
lieben es, das Kaninchen erst im letzten
Moment aus dem Hut zu zaubern.0