Von HANS-ECKART JAEGER und DIETER MATZ Hamburg - Der erste Kunde kam morgens um vier. 30 Minuten
zuvor hatten Marie-Luise und Henry Köhler ihre Lotto- und
Totoannahmestelle an der Langenhorner Chaussee geöffnet - wie
jeden Tag. "Wir stehen immer so früh auf", sagt Marie-Luise
Köhler. "Um diese Zeit machen wir gute Geschäfte, denn viele
Pendler schauen auf ihrem Weg zur Arbeit in die Innenstadt
schnell noch bei uns herein und geben ihren Wettschein ab."
Die Köhlers haben ihren Laden direkt an der Grenze zu
Schleswig-Holstein, und noch profitieren sie davon, dass die neue
Fußballwette, über die ganz Hamburg spricht, im nördlichsten
Bundesland erst vom 1. Februar an gespielt werden darf.
Der erste Kunde bei Marie-Luise und Henry Köhler (ihm wird
großer Fußball-Sachverstand nachgesagt) an diesem Tag spielt
nicht Lotto, sondern Oddset, die neue Fußballwette, die innerhalb
von zwei Monaten den Wettmarkt überrollt hat. Köhler nimmt
manchmal schon mehr Geld durch Oddset ein als durch Lotto: am
19. Oktober 3400 Mark durch Oddset, 1300 Mark durch Lotto.
6,3 Millionen Mark sind seit August in Hamburg über Oddset
verwettet worden. In den sechs Bundesländern, die seit Februar
dieses Jahres die neue Wette anbieten, sind es insgesamt
200 Millionen Mark.
Oddset ist das neue Zauberwort unter den deutschen
Fußballfreaks.
Oddset wird in Betrieben gespielt, in Sportvereinen, von
Tippgemeinschaften, unter Freunden und Bekannten. Hier kann
jeder Fußballfan seinen Sachverstand einbringen. Und für einen
vergleichsweise geringen Betrag das große Geld machen.
So wie Michael T. Der 23 Jahre alte Verkaufsfahrer aus
Rahlstedt
erzielte am 1. Oktober 1999 den höchsten Oddset-Gewinn seit der
Einführung dieser Wette in Hamburg am 27. August 1999. Mit
einem Gesamteinsatz von 953 Mark kassierte Michael T.
52 914,30 Mark.
"Man kann aber auch schon mit einem Einsatz von fünf Mark
sein Glück machen", sagt Jürgen Wulfestieg, Marketing- und
Vertriebsleiter von Nordwest Lotto. Der Höchstgewinn ist auf
100 000 Mark beschränkt.
Und so wirds gemacht: Der Spielteilnehmer wählt minimal drei
bis maximal zehn Spielbegegnungen aus 90 Paarungen mit
Festquoten des wöchentlichen Spielplanes aus und gibt seine
Vorhersage ab. Die Einsätze: fünf bis 1000 Mark pro Wette. Es
wird ein Gewinn erzielt, wenn alle vom Spielteilnehmer
ausgewählten Spielausgänge in der Tendenz (Sieg,
Unentschieden, Niederlage) richtig getippt wurden.
"Die Oddset-Wette hat sich zu einem Hit entwickelt", sagt
Jürgen Wulfestieg. Hamburgs Lottochef Dieter Heering hatte im
August mit einem wöchentlichen Umsatz von 400 000 Mark pro
Woche gerechnet. Vergangene Woche waren es fast 700 000,
zwei Wochen davor sogar fast 800 000 Mark gewesen. "Im
nächsten Jahr rechnen wir mit einem Umsatz von über 20 Millionen
Mark", sagt Heering.
Auf Dauer verspricht sich Lotto/Toto, dessen Einnahmen aus
Oddset auch dem Stadtsäckel und dem Hamburger
Fußballverband zugute kommen, Erträge in höheren Dimensionen.
Den ausländischen Buchmachern soll ein großer Teil der Beute,
die sie gemacht haben, wieder abgejagt werden. "Etwa
500 Millionen Mark jährlich fließen an Wetteinsätzen an
ausländische Anbieter", sagt Dieter Heering. Andere sprechen
sogar von einer Milliarde Mark, die Anbieter wie SSP oder William
Hill in England einstreichen.
Vorteil von SSP: Hier kann man auch Einzelwetten legen (Wer
wird Formel-1-Weltmeister, wer deutscher Fußballmeister usw.).
Vorteil von Oddset: Heute gewettet, morgen das Geld abgeholt.
Es gibt Probleme im neuen Wettgeschäft. Die Buchmacher,
120 überall in Deutschland, davon vier in Hamburg, wollen ein
größeres Stück vom Wettkuchen. Zwar dürfen sie für eine Provision
von knapp sieben Prozent Oddset vermitteln und machen auch
gute Geschäfte dabei, doch damit wollen sie sich nicht begnügen.
"Wir wollen unsere Rechte wahren", sagt Hans-Werner Losehand
(Hamburg), der Vorsitzende des Buchmacher-Verbandes. "Notfalls
auf dem Klageweg."
Viele Oddsetter (Der Begriff "odd set" kommt aus dem
Englischen und bedeutet "festgelegte Quoten") haben schon
gewonnen, aber es gibt auch viele Beispiele für großes Pech. Eine
Hamburger Tippgemeinschaft hatte acht Spiele richtig
vorausgesagt. Einzige falsche Prognose: Hätte Lódz gegen
Monaco nicht 1:1 gespielt, sondern gewonnen, hätten sie für einen
Einsatz von fünf Mark 3214,45 Mark gewonnen ...
Die treuen Oddset-Tipper des ETSV Altona-Eidelstedt
Marco Sill zog seine Trainingsjacke aus und trank einen Schluck
Tee. "Ich habe gewonnen, eigentlich habe ich gewonnen", lachte
der Verteidiger der "Zweiten" des ETSV Altona-Eidelstedt
kopfschüttelnd, während seine Mannschaftskollegen ihn nur
mitleidig belächelten.
Dann erzählte der 31-Jährige von seinem Tipperlebnis: "Ich
habe
zwei Scheine für jeweils 20 Mark ausgefüllt. Der eine war riskant,
der andere sicher. Letzteren habe ich abgegeben - und natürlich
verloren. Der riskante hätte gewonnen, 600 Mark."
Sill ist das Paradebeispiel eines treuen Oddset-Tippers. Davon
gibt es in der Bezirksliga-Mannschaft des ETSV gleich mehrere.
Früher wurden die Aktientrends nach den Trainingseinheiten
diskutiert, seit September gibt es nur ein Thema: Oddset.
Lars Möller und Frank Ebert probieren ihr Glück regelmäßig, nur
Thorsten Scheppelmann schwört noch auf die Quoten eines
österreichischen Anbieters.
Warum gerade Oddset? "Weil die sofort am Schalter auszahlen",
gibt Ebert die Antwort. Beim ETSV haben bislang alle mehr
verloren als gewonnen. Ein Grund zum Aufhören ist das jedoch
nicht. "Es bringt Spaß", sagt Sill und fügt schnell hinzu: "Aber
auf
die sicheren Ergebnisse setze ich nicht mehr, nur noch auf gute
Quoten."