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Heute gewettet - morgen Geld geholt
Die Oddset-Welle überrollt Hamburg
Medium:Hamburger Abendblatt
Datum: 26.10.1999
Von HANS-ECKART JAEGER und DIETER MATZ

Hamburg - Der erste Kunde kam morgens um vier. 30 Minuten zuvor hatten Marie-Luise und Henry Köhler ihre Lotto- und Totoannahmestelle an der Langenhorner Chaussee geöffnet - wie jeden Tag. "Wir stehen immer so früh auf", sagt Marie-Luise Köhler. "Um diese Zeit machen wir gute Geschäfte, denn viele Pendler schauen auf ihrem Weg zur Arbeit in die Innenstadt schnell noch bei uns herein und geben ihren Wettschein ab." Die Köhlers haben ihren Laden direkt an der Grenze zu Schleswig-Holstein, und noch profitieren sie davon, dass die neue Fußballwette, über die ganz Hamburg spricht, im nördlichsten Bundesland erst vom 1. Februar an gespielt werden darf. Der erste Kunde bei Marie-Luise und Henry Köhler (ihm wird großer Fußball-Sachverstand nachgesagt) an diesem Tag spielt nicht Lotto, sondern Oddset, die neue Fußballwette, die innerhalb von zwei Monaten den Wettmarkt überrollt hat. Köhler nimmt manchmal schon mehr Geld durch Oddset ein als durch Lotto: am 19. Oktober 3400 Mark durch Oddset, 1300 Mark durch Lotto. 6,3 Millionen Mark sind seit August in Hamburg über Oddset verwettet worden. In den sechs Bundesländern, die seit Februar dieses Jahres die neue Wette anbieten, sind es insgesamt 200 Millionen Mark. Oddset ist das neue Zauberwort unter den deutschen Fußballfreaks. Oddset wird in Betrieben gespielt, in Sportvereinen, von Tippgemeinschaften, unter Freunden und Bekannten. Hier kann jeder Fußballfan seinen Sachverstand einbringen. Und für einen vergleichsweise geringen Betrag das große Geld machen. So wie Michael T. Der 23 Jahre alte Verkaufsfahrer aus Rahlstedt erzielte am 1. Oktober 1999 den höchsten Oddset-Gewinn seit der Einführung dieser Wette in Hamburg am 27. August 1999. Mit einem Gesamteinsatz von 953 Mark kassierte Michael T. 52 914,30 Mark. "Man kann aber auch schon mit einem Einsatz von fünf Mark sein Glück machen", sagt Jürgen Wulfestieg, Marketing- und Vertriebsleiter von Nordwest Lotto. Der Höchstgewinn ist auf 100 000 Mark beschränkt. Und so wirds gemacht: Der Spielteilnehmer wählt minimal drei bis maximal zehn Spielbegegnungen aus 90 Paarungen mit Festquoten des wöchentlichen Spielplanes aus und gibt seine Vorhersage ab. Die Einsätze: fünf bis 1000 Mark pro Wette. Es wird ein Gewinn erzielt, wenn alle vom Spielteilnehmer ausgewählten Spielausgänge in der Tendenz (Sieg, Unentschieden, Niederlage) richtig getippt wurden. "Die Oddset-Wette hat sich zu einem Hit entwickelt", sagt Jürgen Wulfestieg. Hamburgs Lottochef Dieter Heering hatte im August mit einem wöchentlichen Umsatz von 400 000 Mark pro Woche gerechnet. Vergangene Woche waren es fast 700 000, zwei Wochen davor sogar fast 800 000 Mark gewesen. "Im nächsten Jahr rechnen wir mit einem Umsatz von über 20 Millionen Mark", sagt Heering. Auf Dauer verspricht sich Lotto/Toto, dessen Einnahmen aus Oddset auch dem Stadtsäckel und dem Hamburger Fußballverband zugute kommen, Erträge in höheren Dimensionen. Den ausländischen Buchmachern soll ein großer Teil der Beute, die sie gemacht haben, wieder abgejagt werden. "Etwa 500 Millionen Mark jährlich fließen an Wetteinsätzen an ausländische Anbieter", sagt Dieter Heering. Andere sprechen sogar von einer Milliarde Mark, die Anbieter wie SSP oder William Hill in England einstreichen. Vorteil von SSP: Hier kann man auch Einzelwetten legen (Wer wird Formel-1-Weltmeister, wer deutscher Fußballmeister usw.). Vorteil von Oddset: Heute gewettet, morgen das Geld abgeholt. Es gibt Probleme im neuen Wettgeschäft. Die Buchmacher, 120 überall in Deutschland, davon vier in Hamburg, wollen ein größeres Stück vom Wettkuchen. Zwar dürfen sie für eine Provision von knapp sieben Prozent Oddset vermitteln und machen auch gute Geschäfte dabei, doch damit wollen sie sich nicht begnügen. "Wir wollen unsere Rechte wahren", sagt Hans-Werner Losehand (Hamburg), der Vorsitzende des Buchmacher-Verbandes. "Notfalls auf dem Klageweg." Viele Oddsetter (Der Begriff "odd set" kommt aus dem Englischen und bedeutet "festgelegte Quoten") haben schon gewonnen, aber es gibt auch viele Beispiele für großes Pech. Eine Hamburger Tippgemeinschaft hatte acht Spiele richtig vorausgesagt. Einzige falsche Prognose: Hätte Lódz gegen Monaco nicht 1:1 gespielt, sondern gewonnen, hätten sie für einen Einsatz von fünf Mark 3214,45 Mark gewonnen ...

Die treuen Oddset-Tipper des ETSV Altona-Eidelstedt

Marco Sill zog seine Trainingsjacke aus und trank einen Schluck Tee. "Ich habe gewonnen, eigentlich habe ich gewonnen", lachte der Verteidiger der "Zweiten" des ETSV Altona-Eidelstedt kopfschüttelnd, während seine Mannschaftskollegen ihn nur mitleidig belächelten. Dann erzählte der 31-Jährige von seinem Tipperlebnis: "Ich habe zwei Scheine für jeweils 20 Mark ausgefüllt. Der eine war riskant, der andere sicher. Letzteren habe ich abgegeben - und natürlich verloren. Der riskante hätte gewonnen, 600 Mark." Sill ist das Paradebeispiel eines treuen Oddset-Tippers. Davon gibt es in der Bezirksliga-Mannschaft des ETSV gleich mehrere. Früher wurden die Aktientrends nach den Trainingseinheiten diskutiert, seit September gibt es nur ein Thema: Oddset. Lars Möller und Frank Ebert probieren ihr Glück regelmäßig, nur Thorsten Scheppelmann schwört noch auf die Quoten eines österreichischen Anbieters. Warum gerade Oddset? "Weil die sofort am Schalter auszahlen", gibt Ebert die Antwort. Beim ETSV haben bislang alle mehr verloren als gewonnen. Ein Grund zum Aufhören ist das jedoch nicht. "Es bringt Spaß", sagt Sill und fügt schnell hinzu: "Aber auf die sicheren Ergebnisse setze ich nicht mehr, nur noch auf gute Quoten."


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