Die Suchtbilanz des Buchhalters Alex T. aus einer süddeutschen
Großstadt ist niederschmetternd: Der 28-Jährige wurde in
Spielcasinos schwach und verspielte eine halbe Million Mark, die
er
in der Firma unterschlagen hatte. Auf Anfangserfolge folgten
Verluste, während der Roulette-Kessel rotierte.
"Der Traum vom schnellen Glück endet häufig in Abhängigkeit und
Sucht", stellten Suchtexperten bei einer Fachtagung in Bielefeld
fest.
Ganz zu schweigen von den finanziellen Nöten, in die eine Familie
durch das Glücksspiel geraten könne. Bundesweit gibt es nach
vorsichtigen Schätzungen von Fachleuten etwa 120 000
pathologische Spieler. Eine stationäre Behandlung der Spielsucht
kostet, wie Fachärzte errechneten, bis zu 25 000 Mark.
Die staatlichen Einnahmen beim Glücksspiel sind im vergangenen
Jahr laut Statistischem Bundesamt (Wiesbaden) auf 7,5 (1997: 6,8)
Milliarden Mark gestiegen. Nach Berechnungen des bundesweiten
Fachverbandes Glücksspielsucht mit Sitz in Herford sind knapp 40
Prozent der Glücksspieler durchschnittlich mit Beträgen zwischen
10 000 und 50 000 Mark verschuldet. In den neuen Ländern habe
sich die Spielleidenschaft bei jungen Männern inzwischen zur
"Droge Nummer zwei" nach Alkohol entwickelt, berichtete
Martina Allstedt vom Suchtzentrum Leipzig, einer ambulanten
Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete und -kranke.
Die Spielsucht habe sich zu einem "wahren Massenphänomen
entwickelt, dem alle Beteiligten fast ratlos gegenüberstehen",
meinte
der Psychologe Prof. Gerhard Meyer von der Universität Bremen.
Einmal beim Glücksspiel gelandet, verlören die Betroffenen schnell
die Kontrolle über ihr Spielverhalten: "Sie können nicht mehr
Vernunft gesteuert reagieren, verspüren ein unwiderstehliches
Verlangen, weiterzuspielen." Nach Darstellung Meyers berichten
Zocker am häufigsten über "innere Unruhe und Reizbarkeit, die sie
in dieser Situation erleben". Sobald die erste Münze in den
Spielautomaten gesteckt oder der erste Plastikjeton am
Roulettetisch platziert worden sei, setze ein beruhigendes Gefühl
ein.
Unkontrolliertes Spielverhalten führt, wie der Fachverband
Glücksspielsucht ermittelte, auf die Dauer fast zwangsläufig
zunächst zu finanziellen, später auch zu psychosozialen
Folgeschäden. "Über die soziale Isolation bis hin zur Kriminalität
reicht die Skala der möglichen Folgen, wenn das große Glück
ausbleibt", sagte die Verbandsvorsitzende Ilona Füchtenschnieder.
Zur Finanzierung der steigenden Spieleinsätze müssten ständig neue
Einnahmequellen erschlossen werden. Am Anfang stehe das
überzogene Girokonto oder der Kleinkredit, am Ende die maßlose
Verschuldung von Haus und Hof oder der tiefe Fall in die
Beschaffungskriminalität.
Nach Auffassung der Expertin haben Spielbanken noch nicht
genügend "Sensibilität" im Umgang mit Spielsüchtigen entwickelt.
Als Vorbild nannte sie Casinos in England, Österreich und den
Niederlanden, in denen Suchtkomitees sich um "auffällige" Spieler
kümmerten und notfalls Sperren verhängten.