Von WOLFGANG BERNEY und BODO FUHRMANN exp Düsseldorf - Sie nennen ihn
respektvoll den Paten WestLB-Chef
Friedel Neuber, die Macht am Rhein. Der
63-Jährige ist einer der einflussreichsten
Männer Deutschlands. Jetzt aber gerät er
unter Druck. Ist er angeschlagen?
Staatsanwaltschaft und Steuerfahnder
hatten bündelweise Akten in seinem
Bankbüro und seiner Villa am Niederrhein
sichergestellt. Der Verdacht: Beihilfe zur
illegalen Verschiebung von
Kundengeldern nach Luxemburg
(EXPRESS berichtete). Millionenschwere Privatkunden
hatten versucht, mit dem Transfer Steuern zu sparen. Die
Bank wollte gestern zu den Vorwürfen keine weitere
Stellungnahme abgeben.
Doch die CDU im Landtag hakt jetzt nach. Abgeordnete
fragen: Ist der oberste Chef einer Landesbank überhaupt
noch tragbar, wenn er und sein Haus in dem Verdacht
stehen, mitgeholfen zu haben, das Land um Millionen
Steuern zu betrügen? Nutznießer war eine Handvoll
schwerreicher Privatkunden. Wie EXRESS erfuhr, muss
sich Neuber heute hinter verschlossenen Türen im
Verwaltungsrat seiner Bank kritische Fragen gefallen
lassen. Eine bittere Pille für den Mann, der sich über die
Parteischiene zum mächtigsten Großbanker mit rotem
Parteibuch durchgeboxt hat.
Schon 1973 war Neuber als junger Landespolitiker in den
Verdacht geraten, Steuern in großem Umfang hinterzogen
zu haben. Der Landtag hob seine Immunität als
Abgeordneter vorübergehend auf. Doch die
Verdächtigungen erwiesen sich als haltlos. Zu dieser Zeit
war der Sohn eines Arbeiters mit Abitur auf dem zweiten
Bildungsweg noch nicht der rote Finanzboss, sondern
NRW-Sparkassenpräsident. Der 1,95 Meter Hüne macht
keinen Hehl daraus, daß er aus kleinbürgerlichen
Verhältnissen stammt
. Er hat weder studiert noch eine Banklehre gemacht. Aber
er besitzt zwei wichtige Eigenschaften: ungemeinen
Ehrgeiz und großen Fleiß. Die Sprache des Mannes auf
der Straße versteht er auch heute noch. Er ist Kumpel
geblieben, mit dem man am Tresen ein Bier trinken kann.
Der 63jährige, immer noch ein Arbeitstier, ist
Kettenraucher und Nachtmensch, verlangt sich und
anderen alles ab. Seine große Leidenschaft ist die Jagd.
Der Mann, der von ganz unten kam, trat nach der Lehre bei
Krupp in Essen als 22jähriger in die SPD ein. Rasch
kletterte der damals jüngste Abgeordnete in NRW die
Parteileiter hoch: SPD-Fraktionschef im Landtag,
Sparkassenpräsident und 1981 schließlich WestLB-Chef.
Neuber, der Pate. Bei der Landesbank wurde er zum
Baumeister eines gewaltigen Wirtschaftsimperiums mit
Beteiligungen an über 150 Unternehmen im In-und
Ausland. Als Bundespräsident Johannes Rau noch
NRW-Ministerpräsident war, galt der Bankchef als dessen
verlängerter Arm. Und Bundeskanzler Schröder hat ihn
einmal als geschäftspolitischen Imperialisten bezeichnet.
Neuber selbst allerdings spricht nicht gern über seine
Machtfülle.
Dabei könnte der Bankier längst sagen: In meinem Reich
geht die Sonne nicht unter. Fast 10 000 Mitarbeiter
besorgen weltweit sein Geschäft, von Singapur bis New
York, von Hongkong bis Moskau. Und überall hat er seine
Leute sitzen, platziert sie in Vorstände und Beiräte. Die
Neuber-Dynastie gilt noch immer als erdbebenfest.
Aufsichtsratsposten und Beteiligungen
Friedel Neuber, Ehrensenator der
Heinrich-Heine-Universität, sitzt in zahlreichen Aufsichts-
und Verwaltungsräten. Ein Auszug: Deutsche Babcock,
Preussag, Deutsche Bahn, Douglas-Holding,
Hoesch-Krupp, KD Deutsche Rheinschifffahrt, Viag, RWE,
Bank Austria, Kreditanstalt für Wiederaufbau. Seine
WestLB ist beteiligt an etlichen in- und ausländischen
Kreditinstituten, Spielbanken Konzernen, u.a. LTU,
Preussag, Klöckner, Nordwest-Lotto, Provinzial,
Gildemeister, Mauser KG. Bilanzsumme der WestLB:
Rund 420 Milliarden Mark.