Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Der Pate unter Druck WestLB-Bank-Boss Neuber heute vor Verwaltungsrat
Medium:Express
Datum: 23.09.1999
Von WOLFGANG BERNEY und BODO FUHRMANN

exp Düsseldorf - Sie nennen ihn respektvoll den Paten WestLB-Chef Friedel Neuber, die Macht am Rhein. Der 63-Jährige ist einer der einflussreichsten Männer Deutschlands. Jetzt aber gerät er unter Druck. Ist er angeschlagen? Staatsanwaltschaft und Steuerfahnder hatten bündelweise Akten in seinem Bankbüro und seiner Villa am Niederrhein sichergestellt. Der Verdacht: Beihilfe zur illegalen Verschiebung von Kundengeldern nach Luxemburg (EXPRESS berichtete). Millionenschwere Privatkunden hatten versucht, mit dem Transfer Steuern zu sparen. Die Bank wollte gestern zu den Vorwürfen keine weitere Stellungnahme abgeben.

Doch die CDU im Landtag hakt jetzt nach. Abgeordnete fragen: Ist der oberste Chef einer Landesbank überhaupt noch tragbar, wenn er und sein Haus in dem Verdacht stehen, mitgeholfen zu haben, das Land um Millionen Steuern zu betrügen? Nutznießer war eine Handvoll schwerreicher Privatkunden. Wie EXRESS erfuhr, muss sich Neuber heute hinter verschlossenen Türen im Verwaltungsrat seiner Bank kritische Fragen gefallen lassen. Eine bittere Pille für den Mann, der sich über die Parteischiene zum mächtigsten Großbanker mit rotem Parteibuch durchgeboxt hat.

Schon 1973 war Neuber als junger Landespolitiker in den Verdacht geraten, Steuern in großem Umfang hinterzogen zu haben. Der Landtag hob seine Immunität als Abgeordneter vorübergehend auf. Doch die Verdächtigungen erwiesen sich als haltlos. Zu dieser Zeit war der Sohn eines Arbeiters mit Abitur auf dem zweiten Bildungsweg noch nicht der rote Finanzboss, sondern NRW-Sparkassenpräsident. Der 1,95 Meter Hüne macht keinen Hehl daraus, daß er aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammt

. Er hat weder studiert noch eine Banklehre gemacht. Aber er besitzt zwei wichtige Eigenschaften: ungemeinen Ehrgeiz und großen Fleiß. Die Sprache des Mannes auf der Straße versteht er auch heute noch. Er ist Kumpel geblieben, mit dem man am Tresen ein Bier trinken kann. Der 63jährige, immer noch ein Arbeitstier, ist Kettenraucher und Nachtmensch, verlangt sich und anderen alles ab. Seine große Leidenschaft ist die Jagd.

Der Mann, der von ganz unten kam, trat nach der Lehre bei Krupp in Essen als 22jähriger in die SPD ein. Rasch kletterte der damals jüngste Abgeordnete in NRW die Parteileiter hoch: SPD-Fraktionschef im Landtag, Sparkassenpräsident und 1981 schließlich WestLB-Chef.

Neuber, der Pate. Bei der Landesbank wurde er zum Baumeister eines gewaltigen Wirtschaftsimperiums mit Beteiligungen an über 150 Unternehmen im In-und Ausland. Als Bundespräsident Johannes Rau noch NRW-Ministerpräsident war, galt der Bankchef als dessen verlängerter Arm. Und Bundeskanzler Schröder hat ihn einmal als geschäftspolitischen Imperialisten bezeichnet. Neuber selbst allerdings spricht nicht gern über seine Machtfülle.

Dabei könnte der Bankier längst sagen: In meinem Reich geht die Sonne nicht unter. Fast 10 000 Mitarbeiter besorgen weltweit sein Geschäft, von Singapur bis New York, von Hongkong bis Moskau. Und überall hat er seine Leute sitzen, platziert sie in Vorstände und Beiräte. Die Neuber-Dynastie gilt noch immer als erdbebenfest.

Aufsichtsratsposten und Beteiligungen

Friedel Neuber, Ehrensenator der Heinrich-Heine-Universität, sitzt in zahlreichen Aufsichts- und Verwaltungsräten. Ein Auszug: Deutsche Babcock, Preussag, Deutsche Bahn, Douglas-Holding, Hoesch-Krupp, KD Deutsche Rheinschifffahrt, Viag, RWE, Bank Austria, Kreditanstalt für Wiederaufbau. Seine WestLB ist beteiligt an etlichen in- und ausländischen Kreditinstituten, Spielbanken Konzernen, u.a. LTU, Preussag, Klöckner, Nordwest-Lotto, Provinzial, Gildemeister, Mauser KG. Bilanzsumme der WestLB: Rund 420 Milliarden Mark.


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99