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Sicherheit ist Trumpf in Europas größtem Spielkasino
Medium:Stuttgarter Zeitung
Datum: 05.10.1999
Nur über Ostern hat die Roulettekugel Ruhe

Kein Volk in Europa ist so anfällig fürs Glücksspiel wie die Griechen. Umgerechnet 5,1 Milliarden Mark haben die Hellenen im vergangenen Jahr verzockt. Der Löwenanteil wird in Kasinos verspielt.

Von Gerd Höhler, Thessaloniki

"It's now or never", schmettert Elvis ins Mikrofon, und das denkt auch Evanthia: jetzt oder nie. Beherzt setzt die 36-jährige Sekretärin ihre letzten 5000 Drachmen auf Rot. "Nichts geht mehr", sagt der Croupier. Die kleine weiße Kugel tanzt unschlüssig im Roulettekessel herum. Dann landet sie auf der Null. "Zero", sagt der Croupier teilnahmslos und rafft mit beiden Händen alle Spielmarken ein, auch die von Evanthia. "Sechsmal Schwarz und dann die Null?" Sie kann es nicht fassen.

"Mathematik", sagt Gary Gregg, "alles ist Mathematik." Der Amerikaner ist Chef des Hyatt-Regency-Kasinos im nordgriechischen Thessaloniki. An 86 Tischen und 700 Automaten versuchen hier Tag für Tag im Durchschnitt 3700 Besucher ihr Glück. Illuminierte Wasserspiele schießen hoch auf vor einem herrschaftlichen Portal, das, obwohl aus Gips, einem byzantinischen Kaiser angemessen wäre, der Wind spielt mit den Palmen - Europas größter Glücksspieltempel, geöffnet 24 Stunden am Tag, 363 Tage im Jahr. Nur am orthodoxen Karfreitag und am Ostersamstag ruht die Kugel. "Wir respektieren die religiösen Gefühle der Griechen", sagt Gregg.

"Viva Las Vegas", singt der Elvis-Verschnitt auf der Bühne gleich neben dem Spielsaal. Aus dem glitzernden Glücksspieler-Mekka in der Wüste von Nevada hat Gary Gregg das Ensemble "Superstars" in die zu dieser Jahreszeit häufig von Nebel heimgesuchte, regnerische Balkanmetropole geholt, zunächst für drei Monate. Außer Elvis treten, verkörpert von Imitatoren, Madonna, Michael Jackson und die Blues Brothers auf, als Garnitur gibt es einige leicht geschürzte Tänzerinnen.

Ende August ist das vor drei Jahren eröffnete Kasino an die Athener Börse gegangen. Stolze Zahlen werden den Anlegern präsentiert. Im laufenden Geschäftsjahr soll der Umsatz knapp 260 Millionen Mark erreichen und der Gewinn vor Steuern auf mehr als 70 Millionen Mark steigen - keine schlechte Rendite. Seit der Eröffnung vor drei Jahren hat das Kasino schon mehr als 430 Millionen Mark an den Fiskus abgeführt. Für den Spieler sind Roulette und Black Jack Glückssache. Für das Kasino hingegen ist ganz klar kalkulierbar, was unterm Strich bleibt. Jeder Besucher, der die Spielbank betritt, verliert im Durchschnitt 27000 Drachmen, 163 Mark. Beim Roulette macht die Spielbank auf lange Sicht 19,5 Prozent Gewinn.

"Sehen Sie bitte mal an die Decke", sagt die junge Dame an der Rezeption des Kasinos, während sie den Personalausweis in einen Scanner legt. Da oben glimmt eine rote Leuchtdiode neben einem kleinen schwarzen Kameraauge. "Danke schön", sagt das Empfangsgirl charmant lächelnd. Jetzt ist der Gast erfasst. Von nun an wird er, wenn nötig, auf Schritt und Tritt beobachtet. Ob am "Einarmigen Banditen" oder auf dem stillen Örtchen: nirgends ist der Besucher unbeobachtet.

"Brown, James Brown", stellt sich der "Director of Surveillance" vor, ein kleiner, quirliger Schotte, der schon in dutzenden Ländern Spielbankbetrüger dingfest machte. "Am schwierigsten ist es in Las Vegas, da kann jeder anonym ins Kasino spazieren wie in ein Kaufhaus oder eine Bahnhofshalle", sagt Brown. Thessaloniki ist dagegen ein wahres Paradies für die Sicherheitsleute. "Hier kennen wir die Identität unserer Gäste, unser Computer kann Gesichter und Personaldaten einander zuordnen", sagt Brown.

250000 Personaldaten sind mittlerweile gespeichert. Etwa 135000 Gäste gelten als regelmäßige Kunden. Sie präsentieren ihren kreditkartenähnlichen, mit einem Magnetstreifen versehenen Ausweis im Durchschnitt sechs bis zwölf Mal im Jahr. Einige tausend besuchen das Kasino sogar mehrfach in der Woche, manche fast jeden Abend. 98 Prozent der Besucher kommen aus Thessaloniki und dem Umland. Immer wieder ist in der Lokalpresse von Familientragödien zu lesen. "Es hat sogar Selbstmorde gegeben", erzählt die Journalistin Evi Pavlou. "Das Kasino hat dieser Stadt mehr Unglück als Glück gebracht", glaubt sie. Man kann sich selbst in klaren Momenten sperren lassen, auch Verwandte ersten Grades können ihren Angehörigen den Zutritt zum Kasino verwehren.

"Nur die Chinesen zocken noch mehr als die Griechen", erzählt Brown. Die Statistik scheint ihm Recht zu geben. 863 Milliarden Drachmen, umgerechnet 5,1 Milliarden Mark, gaben die Hellenen im vergangenen Jahr für Glücksspiele aus. 45 Prozent davon entfielen auf die Kasinos, fast 30 Prozent auf Lotto, Toto und Rubbellose, der Rest auf Pferdewetten und die Staatslotterie. Noch einmal der gleiche Betrag dürfte in illegalen Spielklubs umgesetzt werden. Pro Kopf geben die Griechen mehr Geld fürs Glücksspiel aus als irgendein anderes Volk in Europa.

"Griechenland ist ein guter Markt für uns", sagt Brown zufrieden. Sein Reich ist die Sicherheitszentrale des Kasinos, ein fensterloser Raum, dessen gepanzerte Tür sich selbst für den Spielbankchef Gary Gregg erst nach eingehender Gesichtskontrolle öffnet. Da sitzen sie und starren auf die zahllosen Monitore. 207 Kameras decken buchstäblich jeden Quadratmeter, jede Tür, jeden Flur, jeden Spieltisch des Kasinos ab. Neben den stationären Kameras, die über jedem Tisch installiert sind, gibt es auch bewegliche. Rund 7000 Videokassetten lagern im Archiv der Sicherheitszentrale, zehn Tage lang werden die Aufzeichnungen aufbewahrt. Wer sich übervorteilt fühlt, kann sich sein Band ansehen.

"Wir schützen uns vor unseren Kunden, unsere Kunden vor uns und unsere Angestellten vor sich selbst", sagt James Brown. Die Croupiers wissen, dass sie ständig beobachtet werden. In Versuchung gerät hier niemand. Unregelmäßigkeiten, so behauptet Sicherheitschef Brown, gibt es deshalb beim Personal nicht. Wenn sich auf einem der Monitore etwas abspielt, was den leisesten Verdacht weckt, wird über Funk einer der 80 Sicherheitsbeamten im Spielsaal alarmiert.

"Fever", singt der Madonna-Verschnitt inzwischen nebenan, und das Spielfieber hat nun, nach einem stärkenden Drink an der Bar und einem Besuch bei einem der im Spielsaal installierten Geldautomaten, auch Evanthia wieder gepackt. Diesmal versucht die Sekretärin an einem "einarmigen Banditen" ihr Glück. Die werden immer populärer. Entfielen bei der Spielbankeröffnung nur knapp 20 Prozent des Umsatzes auf die Automaten, so sind es nun fast 40 Prozent. Kasinochef Gregg hat deshalb bereits weitere 211 Maschinen bestellt, zehn Roulette- und Black-Jack-Tische will er dafür abbauen. Zwar werfen die Automaten nur 8,5 Prozent Gewinn ab, aber sie erfordern viel weniger Personalaufwand, brauchen weniger Platz und gelten überdies als sozialverträglicher: die geschäftsschädigenden Dramen - Haus und Hof in einer Nacht verloren, Familienvater gibt sich die Kugel - spielen sich angeblich nur an den Roulettetischen ab. Was nicht heißt, dass man sich an den Automaten nicht ruinieren könnte. Man braucht nur länger.


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