Nur über Ostern hat die Roulettekugel RuheKein Volk in Europa ist so anfällig fürs Glücksspiel wie die
Griechen. Umgerechnet 5,1 Milliarden Mark haben die Hellenen
im vergangenen Jahr verzockt. Der Löwenanteil wird in Kasinos
verspielt.
Von Gerd Höhler, Thessaloniki
"It's now or never", schmettert Elvis ins Mikrofon, und das
denkt auch Evanthia: jetzt oder nie. Beherzt setzt die 36-jährige
Sekretärin ihre letzten 5000 Drachmen auf Rot. "Nichts geht
mehr", sagt der Croupier. Die kleine weiße Kugel tanzt
unschlüssig im Roulettekessel herum. Dann landet sie auf der
Null. "Zero", sagt der Croupier teilnahmslos und rafft mit beiden
Händen alle Spielmarken ein, auch die von Evanthia. "Sechsmal
Schwarz und dann die Null?" Sie kann es nicht fassen.
"Mathematik", sagt Gary Gregg, "alles ist Mathematik." Der
Amerikaner ist Chef des Hyatt-Regency-Kasinos im
nordgriechischen Thessaloniki. An 86 Tischen und 700
Automaten versuchen hier Tag für Tag im Durchschnitt 3700
Besucher ihr Glück. Illuminierte Wasserspiele schießen hoch auf
vor einem herrschaftlichen Portal, das, obwohl aus Gips, einem
byzantinischen Kaiser angemessen wäre, der Wind spielt mit den
Palmen - Europas größter Glücksspieltempel, geöffnet 24
Stunden am Tag, 363 Tage im Jahr. Nur am orthodoxen
Karfreitag und am Ostersamstag ruht die Kugel. "Wir
respektieren die religiösen Gefühle der Griechen", sagt Gregg.
"Viva Las Vegas", singt der Elvis-Verschnitt auf der Bühne
gleich neben dem Spielsaal. Aus dem glitzernden
Glücksspieler-Mekka in der Wüste von Nevada hat Gary Gregg
das Ensemble "Superstars" in die zu dieser Jahreszeit häufig von
Nebel heimgesuchte, regnerische Balkanmetropole geholt,
zunächst für drei Monate. Außer Elvis treten, verkörpert von
Imitatoren, Madonna, Michael Jackson und die Blues Brothers
auf, als Garnitur gibt es einige leicht geschürzte Tänzerinnen.
Ende August ist das vor drei Jahren eröffnete Kasino an die
Athener Börse gegangen. Stolze Zahlen werden den Anlegern
präsentiert. Im laufenden Geschäftsjahr soll der Umsatz knapp
260 Millionen Mark erreichen und der Gewinn vor Steuern auf
mehr als 70 Millionen Mark steigen - keine schlechte Rendite.
Seit der Eröffnung vor drei Jahren hat das Kasino schon mehr
als 430 Millionen Mark an den Fiskus abgeführt. Für den Spieler
sind Roulette und Black Jack Glückssache. Für das Kasino
hingegen ist ganz klar kalkulierbar, was unterm Strich bleibt.
Jeder Besucher, der die Spielbank betritt, verliert im
Durchschnitt 27000 Drachmen, 163 Mark. Beim Roulette macht
die Spielbank auf lange Sicht 19,5 Prozent Gewinn.
"Sehen Sie bitte mal an die Decke", sagt die junge Dame an der
Rezeption des Kasinos, während sie den Personalausweis in
einen Scanner legt. Da oben glimmt eine rote Leuchtdiode neben
einem kleinen schwarzen Kameraauge. "Danke schön", sagt
das Empfangsgirl charmant lächelnd. Jetzt ist der Gast erfasst.
Von nun an wird er, wenn nötig, auf Schritt und Tritt beobachtet.
Ob am "Einarmigen Banditen" oder auf dem stillen Örtchen:
nirgends ist der Besucher unbeobachtet.
"Brown, James Brown", stellt sich der "Director of
Surveillance" vor, ein kleiner, quirliger Schotte, der schon in
dutzenden Ländern Spielbankbetrüger dingfest machte. "Am
schwierigsten ist es in Las Vegas, da kann jeder anonym ins
Kasino spazieren wie in ein Kaufhaus oder eine Bahnhofshalle",
sagt Brown. Thessaloniki ist dagegen ein wahres Paradies für
die Sicherheitsleute. "Hier kennen wir die Identität unserer
Gäste, unser Computer kann Gesichter und Personaldaten
einander zuordnen", sagt Brown.
250000 Personaldaten sind mittlerweile gespeichert. Etwa
135000 Gäste gelten als regelmäßige Kunden. Sie präsentieren
ihren kreditkartenähnlichen, mit einem Magnetstreifen
versehenen Ausweis im Durchschnitt sechs bis zwölf Mal im
Jahr. Einige tausend besuchen das Kasino sogar mehrfach in der
Woche, manche fast jeden Abend. 98 Prozent der Besucher
kommen aus Thessaloniki und dem Umland. Immer wieder ist in
der Lokalpresse von Familientragödien zu lesen. "Es hat sogar
Selbstmorde gegeben", erzählt die Journalistin Evi Pavlou. "Das
Kasino hat dieser Stadt mehr Unglück als Glück gebracht",
glaubt sie. Man kann sich selbst in klaren Momenten sperren
lassen, auch Verwandte ersten Grades können ihren
Angehörigen den Zutritt zum Kasino verwehren.
"Nur die Chinesen zocken noch mehr als die Griechen", erzählt
Brown. Die Statistik scheint ihm Recht zu geben. 863 Milliarden
Drachmen, umgerechnet 5,1 Milliarden Mark, gaben die
Hellenen im vergangenen Jahr für Glücksspiele aus. 45 Prozent
davon entfielen auf die Kasinos, fast 30 Prozent auf Lotto, Toto
und Rubbellose, der Rest auf Pferdewetten und die
Staatslotterie. Noch einmal der gleiche Betrag dürfte in illegalen
Spielklubs umgesetzt werden. Pro Kopf geben die Griechen
mehr Geld fürs Glücksspiel aus als irgendein anderes Volk in
Europa.
"Griechenland ist ein guter Markt für uns", sagt Brown
zufrieden. Sein Reich ist die Sicherheitszentrale des Kasinos, ein
fensterloser Raum, dessen gepanzerte Tür sich selbst für den
Spielbankchef Gary Gregg erst nach eingehender
Gesichtskontrolle öffnet. Da sitzen sie und starren auf die
zahllosen Monitore. 207 Kameras decken buchstäblich jeden
Quadratmeter, jede Tür, jeden Flur, jeden Spieltisch des Kasinos
ab. Neben den stationären Kameras, die über jedem Tisch
installiert sind, gibt es auch bewegliche. Rund 7000
Videokassetten lagern im Archiv der Sicherheitszentrale, zehn
Tage lang werden die Aufzeichnungen aufbewahrt. Wer sich
übervorteilt fühlt, kann sich sein Band ansehen.
"Wir schützen uns vor unseren Kunden, unsere Kunden vor uns
und unsere Angestellten vor sich selbst", sagt James Brown. Die
Croupiers wissen, dass sie ständig beobachtet werden. In
Versuchung gerät hier niemand. Unregelmäßigkeiten, so
behauptet Sicherheitschef Brown, gibt es deshalb beim Personal
nicht. Wenn sich auf einem der Monitore etwas abspielt, was
den leisesten Verdacht weckt, wird über Funk einer der 80
Sicherheitsbeamten im Spielsaal alarmiert.
"Fever", singt der Madonna-Verschnitt inzwischen nebenan, und
das Spielfieber hat nun, nach einem stärkenden Drink an der Bar
und einem Besuch bei einem der im Spielsaal installierten
Geldautomaten, auch Evanthia wieder gepackt. Diesmal
versucht die Sekretärin an einem "einarmigen Banditen" ihr
Glück. Die werden immer populärer. Entfielen bei der
Spielbankeröffnung nur knapp 20 Prozent des Umsatzes auf die
Automaten, so sind es nun fast 40 Prozent. Kasinochef Gregg
hat deshalb bereits weitere 211 Maschinen bestellt, zehn
Roulette- und Black-Jack-Tische will er dafür abbauen. Zwar
werfen die Automaten nur 8,5 Prozent Gewinn ab, aber sie
erfordern viel weniger Personalaufwand, brauchen weniger
Platz und gelten überdies als sozialverträglicher: die
geschäftsschädigenden Dramen - Haus und Hof in einer Nacht
verloren, Familienvater gibt sich die Kugel - spielen sich
angeblich nur an den Roulettetischen ab. Was nicht heißt, dass
man sich an den Automaten nicht ruinieren könnte. Man braucht
nur länger.