Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Der letzte Lotto-Jackpot in Italien - Das Spiel-Fieber im Lande soll abgekühlt werden
Medium:Berliner Zeitung
Datum: 27.09.1999
von Thomas Götz

ROM, 26. September. Ein letztes Mal durchbricht das italienische Lotto eine Rekordmarke. Am kommenden Mittwoch warten umgerechnet 92 Millionen Mark im Jackpot der Lottogesellschaft, das sind sechs Millionen mehr als beim bisherigen Rekordgewinn in Grottaglie, der im Februar dieses Jahres ausbezahlt worden war. Sobald der Jackpot geknackt ist, wird die Serie der Rekorde jedoch mit Gewissheit enden. Denn die Hysterie um das Glücksspiel hat den Finanzminister auf den Plan gerufen, der dem Taumel per Dekret ein Ende setzte.

Notbremse der Regierung

Die enorme Höhe der Lottogewinne hatte bereits im Vorjahr den grünen Parlamentsabgeordneten Athos De Luca veranlasst, eine gesetzliche Obergrenze für den Jackpot zu fordern. Doch eine dirigistische Maßnahme dieser Art stieß bei den meisten Kollegen auf Widerstand. Nach langen Debatten entschloss sich Finanzminister Vincenzo Visco nun zu einer Umverteilungsmaßnahme, die keine absolute Obergrenze einzieht, aber Riesengewinnen dennoch einen Riegel vorschiebt.

Das System ist einfach. Ab der nächsten Spielrunde wird die Zuwachsrate gesenkt, die den Jackpot speist. Hat der Spitzengewinn die Grenze von 50 Millionen Mark erreicht, wird die Notbremse gezogen. Übersteigt der Jackpot dieses Limit, schwillt er in viel geringerem Ausmaß an als zuvor. Das Geld kommt den kleineren Gewinnern zugute, deren Prämien aufgewertet werden. Das System hat noch einen zweiten Vorteil: Die kleineren Preise werden öfter ausgeschüttet und stauen sich daher nicht an.

Bisher war der Löwenanteil dessen, was nach dem Zugriff des Staates von den gesetzten Geldern noch übrig war, in den Jackpot geflossen 40 Prozent. Je länger kein Sechser fiel, desto rascher schwoll der Topf an, da die Aussicht auf Millionengewinne die Zahl der Spieler von Woche zu Woche in die Höhe trieb. In der vergangenen Woche etwa hatten 40 Prozent mehr Italiener ihr Geld beim Lotto riskiert als in der Woche davor; bis zum nächsten Mittwoch wird mit neuen Rekordumsätzen zu rechnen sein.

Um diesen Mechanismus zu verlangsamen, sieht die neue Regelung vor, dass jenseits der Schwelle von 50 Millionen Mark statt vierzig nur noch vier Prozent der zu verteilenden Summe dem Jackpot zugeschlagen werden dürfen. Rekordgewinne wie die von Grottaglie oder jener von Peschici im Jahr zuvor sind mit dem neuen Verteilungsschlüssel kaum zu erreichen. Das größte Opfer bringt dabei der Finanzminister, der vom Glücksspiel am meisten profitiert. Nur 39 von hundert Liren, die eingezahlt werden, kommen über Gewinne wieder in Umlauf, der Rest bleibt beim Staat. Die manische Spielsucht seiner Landsleute etwas abzukühlen ist vor diesem Hintergrund zwar zweifellos vernünftig, aber sicher nicht im Sinne des Staatshaushalts.


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99