von Thomas GötzROM, 26. September. Ein letztes Mal durchbricht das
italienische Lotto eine Rekordmarke. Am kommenden
Mittwoch warten umgerechnet 92 Millionen Mark im
Jackpot der Lottogesellschaft, das sind sechs Millionen
mehr als beim bisherigen Rekordgewinn in Grottaglie, der
im Februar dieses Jahres ausbezahlt worden war. Sobald
der Jackpot geknackt ist, wird die Serie der Rekorde
jedoch mit Gewissheit enden. Denn die Hysterie um das
Glücksspiel hat den Finanzminister auf den Plan gerufen,
der dem Taumel per Dekret ein Ende setzte.
Notbremse der Regierung
Die enorme Höhe der Lottogewinne hatte bereits im
Vorjahr den grünen Parlamentsabgeordneten Athos De
Luca veranlasst, eine gesetzliche Obergrenze für den
Jackpot zu fordern. Doch eine dirigistische Maßnahme
dieser Art stieß bei den meisten Kollegen auf Widerstand.
Nach langen Debatten entschloss sich Finanzminister
Vincenzo Visco nun zu einer Umverteilungsmaßnahme, die
keine absolute Obergrenze einzieht, aber Riesengewinnen
dennoch einen Riegel vorschiebt.
Das System ist einfach. Ab der nächsten Spielrunde wird
die Zuwachsrate gesenkt, die den Jackpot speist. Hat der
Spitzengewinn die Grenze von 50 Millionen Mark erreicht,
wird die Notbremse gezogen. Übersteigt der Jackpot
dieses Limit, schwillt er in viel geringerem Ausmaß an als
zuvor. Das Geld kommt den kleineren Gewinnern zugute,
deren Prämien aufgewertet werden. Das System hat noch
einen zweiten Vorteil: Die kleineren Preise werden öfter
ausgeschüttet und stauen sich daher nicht an.
Bisher war der Löwenanteil dessen, was nach dem Zugriff
des Staates von den gesetzten Geldern noch übrig war, in
den Jackpot geflossen 40 Prozent. Je länger kein
Sechser fiel, desto rascher schwoll der Topf an, da die
Aussicht auf Millionengewinne die Zahl der Spieler von
Woche zu Woche in die Höhe trieb. In der vergangenen
Woche etwa hatten 40 Prozent mehr Italiener ihr Geld
beim Lotto riskiert als in der Woche davor; bis zum
nächsten Mittwoch wird mit neuen Rekordumsätzen zu
rechnen sein.
Um diesen Mechanismus zu verlangsamen, sieht die neue
Regelung vor, dass jenseits der Schwelle von 50 Millionen
Mark statt vierzig nur noch vier Prozent der zu verteilenden
Summe dem Jackpot zugeschlagen werden dürfen. Rekordgewinne wie die von
Grottaglie oder jener von Peschici im Jahr zuvor sind mit dem neuen
Verteilungsschlüssel kaum zu erreichen. Das größte Opfer
bringt dabei der Finanzminister, der vom Glücksspiel am
meisten profitiert. Nur 39 von hundert Liren, die eingezahlt
werden, kommen über Gewinne wieder in Umlauf, der
Rest bleibt beim Staat. Die manische Spielsucht seiner
Landsleute etwas abzukühlen ist vor diesem Hintergrund
zwar zweifellos vernünftig, aber sicher nicht im Sinne des
Staatshaushalts.