Gewerkschaft: fast sittenwidrig / Tarifgespräche für Schwerin
und Rostock Schwerin/Rostock Allein das Wort Spielbank löst Gedanken an Glitzerwelt und
das große Geld aus. Doch aus Sicht der Angestellten trügt der schöne Schein.
Die
Gewerkschaft HBV moniert Gehälter an der "Grenze zur Sittenwidrigkeit" und
vertritt eine Musterklage gegen die Spielbankbetreiber von Schwerin und
Warnemünde.
Von Frank Ruhkieck
"Was, Du bist Croupier, na dann hast Du ja ausgesorgt." Derartige
Klischeevorstellungen vom Traumjob am Roulette-Tisch würden vielleicht in
Hamburg zutreffen, urteilt Bernd Fritze, Landeschef der Gewerkschaft Handel,
Banken und Versicherungen (HBV). Mit Blick auf Schwerin und Warnemünde fügt
er kopfschüttelnd hinzu: "Wenn ich diese Gehälter sehe - da liegt eine gerade
ausgelernte Verkäuferin schon deutlich darüber."
Minimalstundensätze von 7,31 Mark und ein Maximalverdienst von nicht einmal
zehn Mark pro Stunde, erbost sich der Gewerkschafter, "das liegt an der Grenze
zur Sittenwidrigkeit".
Um der Spielbankgesellschaft MV als Betreiberin der Casinos in Schwerin und
Warnemünde Druck zu machen, vertritt die Gewerkschaft die arbeitsrechtliche
Musterklage eines Croupiers.
Vor der Einstellung, sagt Fritze, wären den Leuten völlig andere Bedingungen
zugesagt worden, als dann im drei Monate verspätet vorgelegten Vertrag standen.
Vorwurf über nicht gehaltene Zusagen
So müssten die Mitarbeiter jederzeit verfügbar sein, Überstunden könnten kaum
in
Freizeit abgegolten werden, weil dann die 42-Stunden-Woche nicht zu halten sei,
und auch mit den Nachtzuschlägen gäbe es Probleme. Und zu alledem, kritisiert
der
HBV-Chef, vergebe die Spielbankgesellschaft entgegen allen Gepflogenheiten den
Trinkgeldfonds nach eigenem Gutdünken. Ansonsten werde der so genannte Tronc,
aus dem die Mitarbeiter bezahlt werden, generell von einer Kommission verteilt,
in
der auch Angestellte vertreten sind. "Und hier musste der Betriebsrat erst mit
einer
Strafandrohung darum kämpfen, um überhaupt zu sehen, was im Tronc steckt", sagt
Fritze.
Arbeitgeber sehen Aufbesserungsbedarf
Die Arbeitgebervertreter registrieren die harten Vorwürfe der HBV "überrascht",
sichern aber Verhandlungsbereitschaft für die angelaufenen Gespräche um
Haustarife in Schwerin und Warnemünde zu. "Dass die Gehälter nicht allzu hoch
sind, ist nicht zu bestreiten", räumt Dirk Sommer vom zuständigen Allgemeinen
Arbeitgeberverband Frankfurt am Main ein. "Aber der Arbeitgeber kann auch nicht
mehr ausgeben als hereinkommt", argumentiert der Rechtsanwalt. Außerdem sei die
Spielbank Schwerin noch im Aufbau.
Als Knackpunkt stellt Sommer das "schwammig" formulierte Spielbankengesetz
MV heraus. Im Gegensatz zur international üblichen Praxis, alle Mitarbeiter aus
dem
Tronc zu bezahlen, ist im Landesgesetz nur das reine "spieltechnische Personal"
erwähnt. Deshalb wollen die Arbeitgeber erst den nächsten Gerichtstermin am 29.
September abwarten. "Solange ich nicht weiß, auf welcher rechtlichen Grundlage
ich stehe, kann ich keinen Tarifvertrag aushandeln", sagt Sommer. Klar sei
allerdings
eines:. "Dass die Leute mehr verdienen sollen, darin gibt es keine
Meinungsverschiedenheiten."