Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Croupier kontra Spielbank: Rechtsstreit um Mini-Löhne
Medium:Schweriner Volkszeitung
Datum: 10.09.1999
Gewerkschaft: fast sittenwidrig / Tarifgespräche für Schwerin und Rostock

Schwerin/Rostock Allein das Wort Spielbank löst Gedanken an Glitzerwelt und das große Geld aus. Doch aus Sicht der Angestellten trügt der schöne Schein. Die Gewerkschaft HBV moniert Gehälter an der "Grenze zur Sittenwidrigkeit" und vertritt eine Musterklage gegen die Spielbankbetreiber von Schwerin und Warnemünde.

Von Frank Ruhkieck

"Was, Du bist Croupier, na dann hast Du ja ausgesorgt." Derartige Klischeevorstellungen vom Traumjob am Roulette-Tisch würden vielleicht in Hamburg zutreffen, urteilt Bernd Fritze, Landeschef der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV). Mit Blick auf Schwerin und Warnemünde fügt er kopfschüttelnd hinzu: "Wenn ich diese Gehälter sehe - da liegt eine gerade ausgelernte Verkäuferin schon deutlich darüber."

Minimalstundensätze von 7,31 Mark und ein Maximalverdienst von nicht einmal zehn Mark pro Stunde, erbost sich der Gewerkschafter, "das liegt an der Grenze zur Sittenwidrigkeit".

Um der Spielbankgesellschaft MV als Betreiberin der Casinos in Schwerin und Warnemünde Druck zu machen, vertritt die Gewerkschaft die arbeitsrechtliche Musterklage eines Croupiers.

Vor der Einstellung, sagt Fritze, wären den Leuten völlig andere Bedingungen zugesagt worden, als dann im drei Monate verspätet vorgelegten Vertrag standen.

Vorwurf über nicht gehaltene Zusagen

So müssten die Mitarbeiter jederzeit verfügbar sein, Überstunden könnten kaum in Freizeit abgegolten werden, weil dann die 42-Stunden-Woche nicht zu halten sei, und auch mit den Nachtzuschlägen gäbe es Probleme. Und zu alledem, kritisiert der HBV-Chef, vergebe die Spielbankgesellschaft entgegen allen Gepflogenheiten den Trinkgeldfonds nach eigenem Gutdünken. Ansonsten werde der so genannte Tronc, aus dem die Mitarbeiter bezahlt werden, generell von einer Kommission verteilt, in der auch Angestellte vertreten sind. "Und hier musste der Betriebsrat erst mit einer Strafandrohung darum kämpfen, um überhaupt zu sehen, was im Tronc steckt", sagt Fritze.

Arbeitgeber sehen Aufbesserungsbedarf

Die Arbeitgebervertreter registrieren die harten Vorwürfe der HBV "überrascht", sichern aber Verhandlungsbereitschaft für die angelaufenen Gespräche um Haustarife in Schwerin und Warnemünde zu. "Dass die Gehälter nicht allzu hoch sind, ist nicht zu bestreiten", räumt Dirk Sommer vom zuständigen Allgemeinen Arbeitgeberverband Frankfurt am Main ein. "Aber der Arbeitgeber kann auch nicht mehr ausgeben als hereinkommt", argumentiert der Rechtsanwalt. Außerdem sei die Spielbank Schwerin noch im Aufbau.

Als Knackpunkt stellt Sommer das "schwammig" formulierte Spielbankengesetz MV heraus. Im Gegensatz zur international üblichen Praxis, alle Mitarbeiter aus dem Tronc zu bezahlen, ist im Landesgesetz nur das reine "spieltechnische Personal" erwähnt. Deshalb wollen die Arbeitgeber erst den nächsten Gerichtstermin am 29. September abwarten. "Solange ich nicht weiß, auf welcher rechtlichen Grundlage ich stehe, kann ich keinen Tarifvertrag aushandeln", sagt Sommer. Klar sei allerdings eines:. "Dass die Leute mehr verdienen sollen, darin gibt es keine Meinungsverschiedenheiten."


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99