Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Merkwürdigkeiten um Spielbank-Aus
Medium:Leipziger Volkszeitung
Datum: 10.09.1999
Vorwurf: Planung für Klassisches Spiel ging trotz Schließungs-Beschluss noch Monate lang weiter

Leipzig/Dresden. Dicke Luft bei den Spielbanken im Freistaat. Anfang Oktober vergangenen Jahres verkündete Sachsens Finanzminister Georg Milbradt als Gesellschafter das Aus für das Klassische Spiel in Leipzig und Dresden, und infolge ging 92 Casino-Mitarbeitern die Kündigung zu. Dennoch wurde die alternative Planung für den Bau eines neues Spielcasinos mit Roulette und Black Jack im Coselpalais im Zentrum der Landeshauptstadt längere Zeit weiter betrieben. Eröffnungstermin sollte im Februar 2000 sein. Dies geht aus Unterlagen hervor, die unserer Zeitung vorliegen. "Damit täuschten der Freistaat und die Geschäftsführung der Spielbanken nicht nur Belegschaft und Öffentlichkeit, sondern auch die Arbeitsgerichte", sagte gestern Ulrich Keßler, Anwalt gekündigter Spielbank-Mitarbeiter. Jetzt will er Strafantrag stellen wegen versuchten Prozessbetrugs sowie wegen Behinderung der Einigungsstelle, die über den Interessenausgleich und Sozialplan zu befinden hat. Das sächsische Finanzministerium verwahrte sich gegen die Vorwürfe. Sprecherin Vera Kretschmer versicherte gegenüber unserer Zeitung, dass nach dem verkündeten Aus und der gescheiterten Einigung mit Gewerkschaft und Betriebsrat im Oktober 1998 die Pläne für ein neues Casino mit den klassischen Spielarten Black Jack und Roulette im Coselpalais fallen gelassen wurden. "Ab diesem Zeitpunkt gab es keine Veranlassung mehr, über alternative Planungen nachzudenken", sagte sie. Aus Unterlagen des mit der Planung einer Spielbank im Coselpalais beauftragten Darmstädter Architektenbüros geht allerdings anderes hervor: Nachweislich bis mindestens Anfang dieses Jahres waren die Architekten mit der Einrichtung des Klassischen Spiels dort befasst. Allerdings wurde Stillschweigen über das Vorhaben vereinbart. Nach einer Beratung zwischen Planern und dem derzeitigen Spielbanken-Prokuristen Michael Bauer im Januar 1999 wurde protokolliert: "Von Herrn Bauer wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Inhalt dieser Besprechung gegenüber Dritten nicht zur Kenntnis gebracht werden darf. Offiziell handelt es sich hier um die Planung einer Spielbank mit Automatenspiel." Pikanterweise wurde vereinbart, den Schriftverkehr zwischen den Darmstädter Architekten und der Spielbanken GmbH + Co. KG über die Privatanschrift Bauers abzuwickeln. Der sieht nichts Ungewöhnliches darin. "Dienstpost erreicht mich oft daheim oder in Hotels." Allerdings bestritt der Prokurist gegenüber unserer Zeitung die Einrichtung des Klassischen Spiels im Coselpalais nach dem von Milbradt verkündeten Ende. Lediglich an der Einrichtung des Automatenspiels in dem renomierten Haus, das im nächsten Jahr eröffnet werden soll, sei bis dieses Frühjahr festgehalten worden. Aber auch das habe man dann verworfen. Offensichtlich ziele die angekündigte Schließung des Klassischen Spiels "allein darauf ab, sich von einer unliebsamen Belegschaft bequem zu trennen", behauptete Anwalt Keßler. Das Finanzministerium begründete hingegen die Entscheidung mit den hohen Defiziten der Spielbanken. Ende September dieses Jahres sei das Klassische Spiel - Roulette und Black Jack - in den Casinos Dresden und Leipzig wegen hoher Defizite zu schließen. 92 von 121 Mitarbeitern der sächsischen Spielbanken verlieren damit ihren Arbeitsplatz. Wegen der aus seiner Sicht weiter fortgeführten Planung sieht Keßler einen Hebel, den Freistaat zur Kasse zu bitten. "Dadurch wird er sämtliche Kündigungsschutzprozesse verlieren", prophezeit der Anwalt. Hierdurch entstehen seiner Meinung nach Kosten für Lohnfortzahlung, Sozialplan und Einigungsstelle in Höhe von mehreren Millionen DM. Gelder, so Keßler, die der Steuerzahler aufbringen muss.

Andreas Dunte


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99