Athener Aktienindex seit Jahresanfang fast verdoppelt /
Täglich steigen 3000 neue Kunden in die
Wertpapierspekulation ein Von Gerd Höhler
Nikos hat alle Hände voll zu tun. Mit rechts schiebt er dem
Kunden die
Packung Zigaretten zu, mit links zieht er, fingerfertig wie
ein Croupier, den
Tausend- Drachmen-Schein ein und gibt gleichzeitig 320
Drachmen
Wechselgeld heraus, das Handy hat er zwischen Schulter und
Ohr
geklemmt. "400 Mytilineos, billigst", lautet die Order.
Nikos' Periptero, die Zeitungsbude am Athener Kolonakiplatz,
war, wie alle
griechischen Kioske, immer schon eine Art Supermarkt im
Mini-Format.
Das Sortiment umfasst weit über tausend Artikel, von der
Sicherheitsnadel
bis zum Präservativ. Aber jetzt bietet Nikos einen neuen
Service an. In einer
Nische steht ein Laptop mit Modem. In Echtzeit, alle paar
Sekunden
aktualisiert, können die Kunden bei Nikos das Geschehen an
der Börse
verfolgen - Athens erster Online-Kiosk.
Rund 85 000 Drachmen im Monat, 500 Mark, lässt sich Nikos den
Anschluss kosten. "Das lohnt sich", sagt er. Denn der
Börsenticker zieht
zusätzliche Kundschaft an, und damit steigt der Umsatz.
Doch den heißen Draht zur Börse nutzt Nikos in erster Linie
selbst. Er ist
ein besonders furchtloser Zocker, Day-Trading seine
Spezialität. "Morgens
rein, mittags raus; damit kann man viel Geld verdienen." Kann
man, wenn
die Aktien steigen. Und an der Athener Börse steigen sie
flott. Seit Januar
hat der General-Index um nahezu 90 Prozent zugelegt. Kein
Wunder, dass in
Griechenland das Börsenfieber grassiert.
Allmorgendlich versammeln sich die Zocker, darunter nicht
wenige Rentner,
vor dem klassizistischen Portal in der Sophokles-Straße.
Ungeduldig warten
sie auf den Beginn des Parketthandels. Gerüchte machen die
Runde, man
flüstert sich vermeintliche Geheimtipps zu, um dann zum Handy
zu greifen
und den Brokern die Order durchzutelefonieren.
Der August als traditioneller Urlaubsmonat der Griechen ist
normalerweise
eine ruhige Zeit an der Börse. Aber dieses Jahr ließen sich
die Anleger nicht
mal von der Hitzewelle mit ihren mehr als 40 Grad im Schatten
beeindrucken. Manche geben ihre Aufträge per Handy von den
Stränden
auf Mykonos, Kreta oder Santorin durch. Gegen eine
Zusatzgebühr
übermitteln die Mobilfunkbetreiber ihren Kunden die aktuellen
Notierzungen
auf das Display. "Der neue Service kommt sehr gut an", freut
sich ein
Sprecher des Marktführers Panafon.
An geschäftigen Tagen erreicht der Umsatz inzwischen rund 400
Milliarden
Drachmen, fast 2,5 Milliarden Mark - so viel, wie noch vor
fünf Jahren
durchschnittlich in einem ganzen Quartal auf dem Athener
Aktienmarkt
umgesetzt wurde. Der Wert der dort notierten Titel addiert
sich auf fast 150
Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Halb Griechenland ist an
der Börse",
staunt die Zeitung Exousia. Mehr als eine Million hellenische
Kleinaktionäre
sind derzeit registriert, und jeden Tag kommen etwa 3000
hinzu. Früher
trugen die Bürger ihre Ersparnisse zur Bank und strichen die
recht
stattlichen Zinsen ein. Die Sätze erreichten in inflationären
Perioden mehr
als 20 Prozent. Inzwischen aber gibt es für Sparbuchguthaben
allenfalls acht
Prozent. Das reicht den meisten nicht. An der Börse glauben
sie, höhere
Renditen erzielen zu können.
Selbst in den hintersten Winkeln der Provinz hat sich das
Aktienfieber
ausgebreitet. Auf dem Land sind es nicht selten
Lottoannahmestellen und
Wettbüros, die in Zusammenarbeit mit den Börsenmaklern
Wertpapiergeschäfte vermitteln. Selbst in manchen dörflichen
Kaffeehäusern, wo es vor gar nicht langer Zeit nicht mal
einen Fernseher
gab, flimmern nun die Börsenkurse über den Bildschirm.
Noch verrückter geht es im griechischen Süden der
Inselrepublik Zypern zu.
Zwar werden an der vor drei Jahren eröffneten Börse in
Nikosia erst 116
Gesellschaften notiert, und die Börsensitzung dauert nur 90
Minuten. Aber
seit Beginn des Jahres hat sich die Marktkapitalisierung fast
verdreifacht,
der Aktienindex kletterte um rund 300 Prozent. Weil Broker
und
Börsengesellschaft mit der Verarbeitung der Order
hoffnungslos in
Rückstand geraten waren, musste der Handel in Nikosia im
August
kurzzeitig eingestellt werden. Seit der Wiedereröffnung vor
zwei Wochen
zogen die Kurse um weitere 25 Prozent an. Wie lange das
gutgehen kann,
wagt niemand zu sagen. Die Bewertungen vieler Papiere sind,
so warnen die
Analysten, fundamental längst nicht mehr gerechtfertigt.
Das gilt auch für manches Papier in Athen. Kürzlich
suspendierte die
Börsenaufsicht den Handel mit Alcar Aemet. Das Unternehmen
ist nicht
operativ tätig, die Geschäftspläne sind vage. Dennoch schoss
der Aktienkurs
zwischen Januar und Anfang August von 1060 auf 23 799
Drachmen in die
Höhe.
Wer nicht dabei war, sollte sich nicht grämen. Es wird neue
Gelegenheiten
geben. Diese Woche geht Hyatt Regency Hotels & Tourism an die
Börse.
Die Gesellschaft , eine Tochter des US-Konzerns Hyatt,
betreibt in
Thessaloniki die größte Spielbank Europas. Aktien eines
Glücksspielunternehmens - das müsste eigentlich ganz nach dem
Geschmack
der griechischen Zocker sein.