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Kiosk online - Börsenfieber in Griechenland treibt seltsame Blüten
Medium:Frankfurter Rundschau
Datum: 01.09.1999
Athener Aktienindex seit Jahresanfang fast verdoppelt / Täglich steigen 3000 neue Kunden in die Wertpapierspekulation ein

Von Gerd Höhler

Nikos hat alle Hände voll zu tun. Mit rechts schiebt er dem Kunden die Packung Zigaretten zu, mit links zieht er, fingerfertig wie ein Croupier, den Tausend- Drachmen-Schein ein und gibt gleichzeitig 320 Drachmen Wechselgeld heraus, das Handy hat er zwischen Schulter und Ohr geklemmt. "400 Mytilineos, billigst", lautet die Order.

Nikos' Periptero, die Zeitungsbude am Athener Kolonakiplatz, war, wie alle griechischen Kioske, immer schon eine Art Supermarkt im Mini-Format. Das Sortiment umfasst weit über tausend Artikel, von der Sicherheitsnadel bis zum Präservativ. Aber jetzt bietet Nikos einen neuen Service an. In einer Nische steht ein Laptop mit Modem. In Echtzeit, alle paar Sekunden aktualisiert, können die Kunden bei Nikos das Geschehen an der Börse verfolgen - Athens erster Online-Kiosk.

Rund 85 000 Drachmen im Monat, 500 Mark, lässt sich Nikos den Anschluss kosten. "Das lohnt sich", sagt er. Denn der Börsenticker zieht zusätzliche Kundschaft an, und damit steigt der Umsatz.

Doch den heißen Draht zur Börse nutzt Nikos in erster Linie selbst. Er ist ein besonders furchtloser Zocker, Day-Trading seine Spezialität. "Morgens rein, mittags raus; damit kann man viel Geld verdienen." Kann man, wenn die Aktien steigen. Und an der Athener Börse steigen sie flott. Seit Januar hat der General-Index um nahezu 90 Prozent zugelegt. Kein Wunder, dass in Griechenland das Börsenfieber grassiert.

Allmorgendlich versammeln sich die Zocker, darunter nicht wenige Rentner, vor dem klassizistischen Portal in der Sophokles-Straße. Ungeduldig warten sie auf den Beginn des Parketthandels. Gerüchte machen die Runde, man flüstert sich vermeintliche Geheimtipps zu, um dann zum Handy zu greifen und den Brokern die Order durchzutelefonieren.

Der August als traditioneller Urlaubsmonat der Griechen ist normalerweise eine ruhige Zeit an der Börse. Aber dieses Jahr ließen sich die Anleger nicht mal von der Hitzewelle mit ihren mehr als 40 Grad im Schatten beeindrucken. Manche geben ihre Aufträge per Handy von den Stränden auf Mykonos, Kreta oder Santorin durch. Gegen eine Zusatzgebühr übermitteln die Mobilfunkbetreiber ihren Kunden die aktuellen Notierzungen auf das Display. "Der neue Service kommt sehr gut an", freut sich ein Sprecher des Marktführers Panafon.

An geschäftigen Tagen erreicht der Umsatz inzwischen rund 400 Milliarden Drachmen, fast 2,5 Milliarden Mark - so viel, wie noch vor fünf Jahren durchschnittlich in einem ganzen Quartal auf dem Athener Aktienmarkt umgesetzt wurde. Der Wert der dort notierten Titel addiert sich auf fast 150 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. "Halb Griechenland ist an der Börse", staunt die Zeitung Exousia. Mehr als eine Million hellenische Kleinaktionäre sind derzeit registriert, und jeden Tag kommen etwa 3000 hinzu. Früher trugen die Bürger ihre Ersparnisse zur Bank und strichen die recht stattlichen Zinsen ein. Die Sätze erreichten in inflationären Perioden mehr als 20 Prozent. Inzwischen aber gibt es für Sparbuchguthaben allenfalls acht Prozent. Das reicht den meisten nicht. An der Börse glauben sie, höhere Renditen erzielen zu können.

Selbst in den hintersten Winkeln der Provinz hat sich das Aktienfieber ausgebreitet. Auf dem Land sind es nicht selten Lottoannahmestellen und Wettbüros, die in Zusammenarbeit mit den Börsenmaklern Wertpapiergeschäfte vermitteln. Selbst in manchen dörflichen Kaffeehäusern, wo es vor gar nicht langer Zeit nicht mal einen Fernseher gab, flimmern nun die Börsenkurse über den Bildschirm.

Noch verrückter geht es im griechischen Süden der Inselrepublik Zypern zu. Zwar werden an der vor drei Jahren eröffneten Börse in Nikosia erst 116 Gesellschaften notiert, und die Börsensitzung dauert nur 90 Minuten. Aber seit Beginn des Jahres hat sich die Marktkapitalisierung fast verdreifacht, der Aktienindex kletterte um rund 300 Prozent. Weil Broker und Börsengesellschaft mit der Verarbeitung der Order hoffnungslos in Rückstand geraten waren, musste der Handel in Nikosia im August kurzzeitig eingestellt werden. Seit der Wiedereröffnung vor zwei Wochen zogen die Kurse um weitere 25 Prozent an. Wie lange das gutgehen kann, wagt niemand zu sagen. Die Bewertungen vieler Papiere sind, so warnen die Analysten, fundamental längst nicht mehr gerechtfertigt.

Das gilt auch für manches Papier in Athen. Kürzlich suspendierte die Börsenaufsicht den Handel mit Alcar Aemet. Das Unternehmen ist nicht operativ tätig, die Geschäftspläne sind vage. Dennoch schoss der Aktienkurs zwischen Januar und Anfang August von 1060 auf 23 799 Drachmen in die Höhe.

Wer nicht dabei war, sollte sich nicht grämen. Es wird neue Gelegenheiten geben. Diese Woche geht Hyatt Regency Hotels & Tourism an die Börse. Die Gesellschaft , eine Tochter des US-Konzerns Hyatt, betreibt in Thessaloniki die größte Spielbank Europas. Aktien eines Glücksspielunternehmens - das müsste eigentlich ganz nach dem Geschmack der griechischen Zocker sein.


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