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Die Zockerhochburg in der Wüste will ihr Schmuddelimage loswerden
Medium:Stuttgarter Zeitung
Datum: 02.09.1999
Wettlauf der Milliardäre um das Geld der Touristen

Im Mekka der Spieler, der "einarmigen Banditen'' und der Zaubershows besinnt man sich auf alte Kultur und trimmt sie auf kitschig-neu. Die neuen Nobelhotels sollen Paris, Venedig oder Luxor kopieren.

Von Stefan Liwocha, Las Vegas

Taxifahrer Bob Roberts ist schlecht gelaunt - und das eigentlich Tag für Tag seit Jahresanfang. Vor ihm auf dem berühmten Strip quält sich die Blechkarawane im Schritttempo, und der 56-Jährige nutzt die endlos scheinenden Minuten, um den Fahrgästen sein Leid zu klagen. So voll waren hier die Straßen noch nie'', sagt der Amerikaner, selbst die Nebenstrecken sind tagsüber verstopft. Wie soll ich da noch ein Geschäft machen?'' Roberts kann sich bei Sheldon Adelson und Steve Wynn dafür bedanken, dass die Spielerstadt in der Wüste aus allen Nähten platzt und die Lebensfreude der Einheimischen immer geringer wird. Die beiden Milliardäre führen einen Wettstreit um das originellste Hotel und haben damit das Erscheinungsbild von Las Vegas gewaltig verändert. Schneller, höher, teurer'', lautet offenbar die Devise der beiden, die Amerikas Größenwahn in Werke aus Stahlbeton, Plastik und Polyurethanschaum umsetzen lassen.

Steve Wynn, laut New York Times'' der mächtigste Mann im Staat Nevada'', setzte im vergangenen Jahr mit der Eröffnung des Bellagio'' einen Trend, der die stagnierenden Besucherzahlen mit geballtem Luxus beleben soll. Mit der 1,6 Milliarden Dollar teuren Nachbildung eines gleichnamigen Dorfes am Comer See war Wynn seinem Widersacher Adelson eine Nasenlänge voraus und erfreute sich am inoffiziellen Titel Besitzer des teuersten Hotels der Welt''. Natürlich zog der in seiner Ehre verletzte Adelson sofort nach und stampfte eine Venedig-Kopie aus dem Boden. Der erste Teil wurde im Mai fertig gestellt, der zweite ist 2001 so weit. Mit 6000 Zimmern, bei geschätzten Kosten von zweieinhalb Milliarden Dollar, wird das Venetian'' dann das größte und teuerste Hotel der Welt sein. Wynn hat die Messlatte hoch gehängt'', meint Adelson voller Stolz, wir hängen sie noch höher.''

Damit das Duell der beiden Casino-Magnaten um Touristen und Geld nicht zu langweilig wird, beteiligt sich jetzt auch der Hilton-Konzern am luxuriösen Hotelspiel. Seit Monaten werden die amerikanischen TV-Zuschauer mit einem geschickt gemachten TV-Spot geködert, in dem der Pariser Eiffelturm in die USA verschifft wurde. Paris is coming'', lautet die simple Botschaft und inzwischen ist der zum neuen Paris''-Hotel gehörende Eiffelturm zur Begehung freigegeben. Natürlich ist es nur eine Kopie, halb so groß wie das Original, dazu gibt es noch Miniaturen von Louvre, Arc de Triomphe und eine kleine Champs-Elysées.

Der ganze Spaß, inklusive der 2916 Zimmer, kostete 760 Millionen Dollar und ist ein weiterer sichtbarer Beweis dafür, dass sich mittlerweile die Welt im neuen Las Vegas vereint. Schon vor Jahren erkannten die Casinobetreiber, dass es die weißen Tiger der deutschen Zauberkünstler Siegfried und Roy allein nicht mehr tun. Man lockte Familien mit so genannten Themenhotels an, und mittlerweile stammt nur noch die Hälfte der Hoteleinnahmen aus dem Glücksspiel.

Las Vegas ist zum riesengroßen Disneyland mutiert. Vor dem Treasure Island'' tragen Piraten viermal am Tag eine Seeschlacht aus, die Glaspyramide des Luxor'' spiegelt Ägypten wider, das benachbarte Excalibur'' ist eine mittelalterliche Kitschburg, im MGM Grand'' werden Boxkämpfe und Popkonzerte veranstaltet, und auf der gegenüberliegenden Straßenseite trumpft das New York, New York'' mit der Skyline von Manhattan und einer riesigen Achterbahn auf. Um die Gäste in echte New-York-Stimmung zu versetzen, gibt es Graffiti an den Wänden und sogar Kanaldeckel, aus denen Dampf aufsteigt. Doch da auch die Familienmasche nur begrenzt funktioniert, machen die Milliardäre Adelson und Wynn nun Jagd auf Gäste mit gehobenen Ansprüchen und dickem Geldbeutel. Vorbei sind die Zeiten, da sich tonnenförmige Touristen aus Oklahoma für 1,99 Dollar am All-You-Can-Eat''-Büfett den Bauch vollschlugen. Ebenso sind die Dreißig-Dollar-Zimmer für Spielsüchtige nicht mehr en vogue, Marmorsuiten sind der neue Renner.

Die Stadt, früher ein Dorado für Glücksritter - mit Saloons, Bordellen und kurzlebigen Revolverhelden -, soll endgültig ihr Schmuddelimage loswerden. So bietet das 36 Stockwerke hohe Bellagio'' in einem kleinen Museum echte Meisterwerke von Renoir, Modigliani und Picasso. Schreitet der Gast unter dem zehn Millionen Dollar teuren Leuchter aus dem Foyer hinaus, blickt er auf einen künstlichen Comer See, in dem einige hundert Fontänen Wasser 60 Meter hoch schießen. Spitzenköche aus aller Welt servieren kulinarische Genüsse, dazu bietet die Geschäftsstraße Boutiquen von Chanel, Gucci, Armani und Tiffany.

In der Nähe lockt das Venetian'' mit Campanile, Markusplatz, Palazzo Ducale, Rialto-Brücke und Gondeln, die im zweiten Stock des Hotels im Canale Grande pendeln. Die Venedig-Kopie ist detailgetreu aus Polyurethanschaum hergestellt und ist den Originalen täuschend ähnlich nachgebildet. Natürlich darf auch die Plage der Lagunenstadt nicht fehlen. 2000 Tauben vermitteln Markusplatzatmosphäre, wobei bei der Vogel-Choreografie nichts dem Zufall überlassen bleibt. Die trainierten Hauptdarsteller lassen auch keinen Dreck auf die Touristen fallen.

Aber warum sollte ein Europäer dieses künstliche Venedig dem echten vorziehen? Ganz einfach, ich biete mehr'', antwortet Adelson, die Romantik von Venedig, den Luxus von Beverly Hills und die Aufregung von Las Vegas alles in einem, kurz Las Venice.'' Und das zu einem stolzen Preis. Mit 167 Dollar für eine Standardsuite etablierte das Venetian'' eine neue Preisklasse. Mit anderen Zutaten lockt das Paris''. Dort kann man 35 Meter über dem Strip im Gourmet-Restaurant des Eiffelturms speisen oder oben auf der Aussichtsplattform den atemberaubenden Blick über Las Vegas bei Nacht genießen. Mit den 2916 Betten wird die Zahl in der boomenden City auf insgesamt 130000 steigen, das sind mehr als New York oder Paris zu bieten haben.

Im vergangenen Jahr zählte das Spieler-Mekka bereits 30,6 Millionen Gäste. Und da aus der lasterhaften Spielhölle schon bald die Welthauptstadt der Unterhaltung werden soll, dürfte diese Zahl noch weiter steigen. Die Zockerhochburg (1,4 Millionen Einwohner) lockt aber nicht nur Touristen an. Jeden Monat gibt es dreitausend Neubürger, und laut einer Prognose wird sich die Einwohnerzahl bis ins Jahr 2020 mit 2,4 Millionen Menschen fast verdoppelt haben.

Wie Wissenschaftler ausgerechnet haben, gibt es aber schon 2008 nicht mehr genug Wasser in der am schnellsten wachsenden Stadt der USA. Schon jetzt stehen 18 der 20 größten Hotels der Welt hier und im Jahr 2000 wird das 1,2 Milliarden Dollar teure Aladin'' seine Wunderlampen leuchten lassen. Doch viele der Einheimischen, die das alte Vegas liebten, sehen für die Zukunft schwarz. Die Probleme nehmen ständig zu. Wir haben eine gewaltige Luftverschmutzung, die Straßen sind hoffnungslos überlastet, außerdem steigt die Kriminalität'', meint Taxifahrer Bob Roberts, im nächsten Jahr verschwinde ich nach Wyoming und kaufe mir dort ein kleines Haus.''


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