Wettlauf der Milliardäre um das
Geld der Touristen Im Mekka der Spieler, der "einarmigen Banditen'' und der
Zaubershows besinnt man sich auf alte Kultur und trimmt sie
auf kitschig-neu. Die neuen Nobelhotels sollen Paris, Venedig
oder Luxor kopieren.
Von Stefan Liwocha, Las Vegas
Taxifahrer Bob Roberts ist schlecht gelaunt - und das eigentlich
Tag für Tag seit Jahresanfang. Vor ihm auf dem berühmten
Strip quält sich die Blechkarawane im Schritttempo, und der
56-Jährige nutzt die endlos scheinenden Minuten, um den
Fahrgästen sein Leid zu klagen. So voll waren hier die
Straßen noch nie'', sagt der Amerikaner, selbst die
Nebenstrecken sind tagsüber verstopft. Wie soll ich da noch
ein Geschäft machen?'' Roberts kann sich bei Sheldon Adelson
und Steve Wynn dafür bedanken, dass die Spielerstadt in der
Wüste aus allen Nähten platzt und die Lebensfreude der
Einheimischen immer geringer wird. Die beiden Milliardäre
führen einen Wettstreit um das originellste Hotel und haben
damit das Erscheinungsbild von Las Vegas gewaltig verändert.
Schneller, höher, teurer'', lautet offenbar die Devise der
beiden, die Amerikas Größenwahn in Werke aus Stahlbeton,
Plastik und Polyurethanschaum umsetzen lassen.
Steve Wynn, laut New York Times'' der mächtigste Mann
im Staat Nevada'', setzte im vergangenen Jahr mit der
Eröffnung des Bellagio'' einen Trend, der die stagnierenden
Besucherzahlen mit geballtem Luxus beleben soll. Mit der 1,6
Milliarden Dollar teuren Nachbildung eines gleichnamigen
Dorfes am Comer See war Wynn seinem Widersacher
Adelson eine Nasenlänge voraus und erfreute sich am
inoffiziellen Titel Besitzer des teuersten Hotels der Welt''.
Natürlich zog der in seiner Ehre verletzte Adelson sofort nach
und stampfte eine Venedig-Kopie aus dem Boden. Der erste
Teil wurde im Mai fertig gestellt, der zweite ist 2001 so weit.
Mit 6000 Zimmern, bei geschätzten Kosten von zweieinhalb
Milliarden Dollar, wird das Venetian'' dann das größte und
teuerste Hotel der Welt sein. Wynn hat die Messlatte hoch
gehängt'', meint Adelson voller Stolz, wir hängen sie noch
höher.''
Damit das Duell der beiden Casino-Magnaten um Touristen
und Geld nicht zu langweilig wird, beteiligt sich jetzt auch der
Hilton-Konzern am luxuriösen Hotelspiel. Seit Monaten
werden die amerikanischen TV-Zuschauer mit einem geschickt
gemachten TV-Spot geködert, in dem der Pariser Eiffelturm in
die USA verschifft wurde. Paris is coming'', lautet die simple
Botschaft und inzwischen ist der zum neuen Paris''-Hotel
gehörende Eiffelturm zur Begehung freigegeben. Natürlich ist es
nur eine Kopie, halb so groß wie das Original, dazu gibt es
noch Miniaturen von Louvre, Arc de Triomphe und eine kleine
Champs-Elysées.
Der ganze Spaß, inklusive der 2916 Zimmer, kostete 760
Millionen Dollar und ist ein weiterer sichtbarer Beweis dafür,
dass sich mittlerweile die Welt im neuen Las Vegas vereint.
Schon vor Jahren erkannten die Casinobetreiber, dass es die
weißen Tiger der deutschen Zauberkünstler Siegfried und Roy
allein nicht mehr tun. Man lockte Familien mit so genannten
Themenhotels an, und mittlerweile stammt nur noch die Hälfte
der Hoteleinnahmen aus dem Glücksspiel.
Las Vegas ist zum riesengroßen Disneyland mutiert. Vor dem
Treasure Island'' tragen Piraten viermal am Tag eine
Seeschlacht aus, die Glaspyramide des Luxor'' spiegelt
Ägypten wider, das benachbarte Excalibur'' ist eine
mittelalterliche Kitschburg, im MGM Grand'' werden
Boxkämpfe und Popkonzerte veranstaltet, und auf der
gegenüberliegenden Straßenseite trumpft das New York,
New York'' mit der Skyline von Manhattan und einer riesigen
Achterbahn auf. Um die Gäste in echte New-York-Stimmung
zu versetzen, gibt es Graffiti an den Wänden und sogar
Kanaldeckel, aus denen Dampf aufsteigt. Doch da auch die
Familienmasche nur begrenzt funktioniert, machen die
Milliardäre Adelson und Wynn nun Jagd auf Gäste mit
gehobenen Ansprüchen und dickem Geldbeutel. Vorbei sind
die Zeiten, da sich tonnenförmige Touristen aus Oklahoma für
1,99 Dollar am All-You-Can-Eat''-Büfett den Bauch
vollschlugen. Ebenso sind die Dreißig-Dollar-Zimmer für
Spielsüchtige nicht mehr en vogue, Marmorsuiten sind der neue
Renner.
Die Stadt, früher ein Dorado für Glücksritter - mit Saloons,
Bordellen und kurzlebigen Revolverhelden -, soll endgültig ihr
Schmuddelimage loswerden. So bietet das 36 Stockwerke
hohe Bellagio'' in einem kleinen Museum echte Meisterwerke
von Renoir, Modigliani und Picasso. Schreitet der Gast unter
dem zehn Millionen Dollar teuren Leuchter aus dem Foyer
hinaus, blickt er auf einen künstlichen Comer See, in dem einige
hundert Fontänen Wasser 60 Meter hoch schießen.
Spitzenköche aus aller Welt servieren kulinarische Genüsse,
dazu bietet die Geschäftsstraße Boutiquen von Chanel, Gucci,
Armani und Tiffany.
In der Nähe lockt das Venetian'' mit Campanile, Markusplatz,
Palazzo Ducale, Rialto-Brücke und Gondeln, die im zweiten
Stock des Hotels im Canale Grande pendeln. Die
Venedig-Kopie ist detailgetreu aus Polyurethanschaum
hergestellt und ist den Originalen täuschend ähnlich
nachgebildet. Natürlich darf auch die Plage der Lagunenstadt
nicht fehlen. 2000 Tauben vermitteln Markusplatzatmosphäre,
wobei bei der Vogel-Choreografie nichts dem Zufall überlassen
bleibt. Die trainierten Hauptdarsteller lassen auch keinen Dreck
auf die Touristen fallen.
Aber warum sollte ein Europäer dieses künstliche Venedig dem
echten vorziehen? Ganz einfach, ich biete mehr'', antwortet
Adelson, die Romantik von Venedig, den Luxus von Beverly
Hills und die Aufregung von Las Vegas alles in einem, kurz Las
Venice.'' Und das zu einem stolzen Preis. Mit 167 Dollar für
eine Standardsuite etablierte das Venetian'' eine neue
Preisklasse. Mit anderen Zutaten lockt das Paris''. Dort kann
man 35 Meter über dem Strip im Gourmet-Restaurant des
Eiffelturms speisen oder oben auf der Aussichtsplattform den
atemberaubenden Blick über Las Vegas bei Nacht genießen.
Mit den 2916 Betten wird die Zahl in der boomenden City auf
insgesamt 130000 steigen, das sind mehr als New York oder
Paris zu bieten haben.
Im vergangenen Jahr zählte das Spieler-Mekka bereits 30,6
Millionen Gäste. Und da aus der lasterhaften Spielhölle schon
bald die Welthauptstadt der Unterhaltung werden soll, dürfte
diese Zahl noch weiter steigen. Die Zockerhochburg (1,4
Millionen Einwohner) lockt aber nicht nur Touristen an. Jeden
Monat gibt es dreitausend Neubürger, und laut einer Prognose
wird sich die Einwohnerzahl bis ins Jahr 2020 mit 2,4 Millionen
Menschen fast verdoppelt haben.
Wie Wissenschaftler ausgerechnet haben, gibt es aber schon
2008 nicht mehr genug Wasser in der am schnellsten
wachsenden Stadt der USA. Schon jetzt stehen 18 der 20
größten Hotels der Welt hier und im Jahr 2000 wird das 1,2
Milliarden Dollar teure Aladin'' seine Wunderlampen leuchten
lassen. Doch viele der Einheimischen, die das alte Vegas
liebten, sehen für die Zukunft schwarz. Die Probleme nehmen
ständig zu. Wir haben eine gewaltige Luftverschmutzung, die
Straßen sind hoffnungslos überlastet, außerdem steigt die
Kriminalität'', meint Taxifahrer Bob Roberts, im nächsten Jahr
verschwinde ich nach Wyoming und kaufe mir dort ein kleines
Haus.''