Homburg/Saarbrücken (wi) "Ich war dabei, wie jemand am
Automaten im Kasino 100 000 Mark gewonnen hat. Das
geht ganz schnell." Sogar im Saarbrücker Landgericht war
dem 30-Jährigen anzumerken, wie sehr ihn die
Spielleidenschaft immer noch gepackt hält. Dabei hatte ihn
die Sucht nach dem schnellen Gewinn auf die Anklagebank
gebracht. Der Grund: Als der Jura-Student nicht genug Geld
zum Spielen hatte, überfiel er zwischen Juni 1997 und
November 1998 fünf Tankstellen in Saarbrücken, Homburg
und Zweibrücken. Seine Beute von insgesamt rund 5000
Mark brachte ihm jedoch kein Glück. Weder in den
Spielbanken, noch vor Gericht. Dort wurde der Student jetzt
zu fünfeinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass er ein echter Krimineller
ist, der über Leichen geht." So hatte zuvor eines der Opfer,
eine 48-jährige Kassiererin, den Angeklagten beschrieben.
Eine Einschätzung, die auf den ersten Blick auch im
Gerichtssaal bestätigt wurde. Schließlich sah der 30-jährige
genau so aus, wie man sich einen Studenten aus guten
Verhältnissen - seine Eltern hatten ein Geschäft und sein
Bruder ist Jurist - vorstellt. Der Angeklagte benahm sich
auch so. Zurückhaltend, höflich und korrekt. Doch der erste
Eindruck täuschte, wie ein Psychiater erklärte: "Herr X
führte ein Leben mit doppelter Buchführung." Nach außen
sei er ein fleißiger Student gewesen, der pünktlich aus dem
Haus geht. Der Gutachter weiter: "Tatsächlich war er aber
nicht an der Uni, sondern ab 11.30 Uhr in der Spielbank."
Dieser Unterschied zwischen Schein und Sein hatte nach
Ansicht des Gutachters zwei Ursachen: Zum einen könne
man den Angeklagten als unreife Persönlichkeit mit
mangelnder Kritikfähigkeit bezeichnen, die in den Tag hinein
lebe. Zudem habe der Student etwa 1993 angefangen,
regelmäßig in Kasinos zu spielen. Aus beiden Faktoren
habe sich dann ein Teufelskreis entwickelt. So habe der
30-Jährige immer öfter gespielt und dabei bis zu 18 000
Mark in einer Woche verloren. Insgesamt kamen etwa
100 000 Mark Verluste in fünf Jahren zusammen. Trotzdem
glaubte er nach einem Gewinn von 7000 Mark weiter an den
großen Jackpot. Die Spirale drehte sich immer schneller.
Der Gutachter: Am Ende habe der Angeklagte die
Tankstellen überfallen, "um doch noch den großen Coup zu
landen, und von da an seinem Leben eine andere Richtung
zu geben".
Auch der Angeklagte erzählte, er sei zu den Tankstellen
gefahren, nachdem er in Kasinos verloren hatte: "Ich war
nervlich fertig und wollte weiterspielen. Ich wollte den
Jackpot knacken. Ich hatte das Gefühl, dass ich kurz davor
bin." Vor Ort bedrohte er jeweils die Kassierer mit einer
Schreckschusspistole. Sie war bei den ersten beiden Fällen
im Juni 1997 und im Januar 1998 nicht geladen. Im
November 1998 überfiel der Angeklagte dann drei
Tankstellen mit geladener Waffe und trug dabei zweimal
eine Maske über dem Kopf. Und nachdem der 30-Jährige im
vorletzten Fall von einem couragierten Kassierer vertrieben
worden war, schlug er eine Stunde später erneut zu. Kurz
darauf wurde er festgenommen. Die Spirale aus Spielsucht
und Straftaten war unterbrochen. Ob sie sich nach der
Haftentlassung des Mannes wieder dreht, hängt nun von
ihm ab. Seine psychische Erkrankung - wegen der ihm
verminderte Schuldfähigkeit zugebilligt wurde - ist mit Hilfe
von Psychotherapeuten heilbar.