Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Dann gewinne ich garantiert?
Medium:Süddeutsche Zeitung
Datum: 24.08.1999
Ein Psychologe erklärt, warum auch Sportwetten süchtig machen

Die Möglichkeiten, Wetten abzuschließen, steigen: Erste Sportwetten sind legal, dazu kommen Wettangebote im Ausland. Gerhard Meyer, Psychologe an der Universität Bremen, erwartet, dass dadurch die Zahl der Süchtigen steigt.

SZ: Wann haben Sie zum letzten Mal gewettet?

Meyer: Ich habe neulich wieder Fußball-Toto gespielt.

SZ: Und gewonnen?

Meyer: Nein, leider nicht.

SZ: Aber den Kitzel, den das Wetten geben kann, kennen Sie.

Meyer: Natürlich kenne ich den. Außerdem interessiere ich mich für Sport, und das steigert den Reiz.

SZ: Haben Sie den Eindruck, dass das Wetten salonfähig wird?

Meyer: Eindeutig. In unserer Gesellschaft wird das Angebot an Wetten immer größer. Die Oddset-Sportwetten, die jetzt angeboten werden, sind eine solche Erweiterung ? und dabei wird es nicht bleiben. Denn die Lottofirmen kennen das Potenzial und werden ihr Angebot ausweiten. Daneben bietet das Internet neue Möglichkeiten, und schließlich kann es sein, dass der europäische Binnenmarkt für eine Liberalisierung sorgt: Vor dem Europäischen Gerichtshof klagt ein finnisches Unternehmen, dass seine Spielautomaten in allen Ländern Europas zugelassen werden.

SZ: Wie hoch ist denn nach Ihrer Ansicht die Gefahr, spielsüchtig zu werden?

Meyer: Das Suchtpotenzial ist hoch, was an verschiedenen Faktoren liegt. Zum einen kann man beim Sport ständig neue Wetten eingehen ? jeder einzelne WM-Wettkampf eignet sich dafür.

SZ: Bei einer Fußballwette ist ja jedes Tor ein Ereignis, das einen Kick gibt.

Meyer: Das ist ein wesentlicher Aspekt ? eine Sportwette ist eben etwas anderes als die Ziehung der Lottozahlen. Hinzu kommt, dass ich als Fan emotional beteiligt bin; außerdem kann der Glaube aufkommen, dass ich das Ergebnis durch meine Kenntnisse beeinflussen kann ? indem ich beispielsweise beachte, ob die Bayern am Wochenende mit Basler oder Matthäus antreten und meine Wette darauf abstimme. Das kann soweit gehen, dass jemand glaubt ?Ich brauche nur noch mehr Informationen, dann gewinne ich garantiert.?

SZ: Die Haltung eines Süchtigen.

Meyer: Es wird zur Sucht, wenn ich das Wetten, das Glücksspiel, zum Zentrum meines Lebens mache. Solche Fälle wird es in Zukunft bei uns häufiger geben ? das zeigen Erfahrungen aus anderen Länder wie den USA, wo es neben den Süchtigen aus den Spielbanken viele Süchtige aus dem Bereich der Sportwetten gibt.

Interview: Felix Berth

SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher VerlagGmbH, München


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99