Ausbruch aus dem Teufelskreis Spielsucht: Wenn Menschen Haus und Hof verzocken,
hilft nur Therapie(wü) Es geht schon wieder los, diese Schweißausbrüche, dieses Zittern der Hände.
"Lass es", sagt der Verstand. "Heute klappt
es", lockt eine magische Stimme. Der junge Mann ist hin- und hergerissen, läuft
nervös auf und ab, dann ist der innere Kampf zu
Ende. Wenig später sitzt er in einer Spielhalle, steckt ein Fünfmarkstück nach
dem anderen in den Schlitz des Automaten.
Jens G. (Name von der Redaktion geändert) ist spielsüchtig. Er träumt vom ganz
großen Gewinn, dem Leben in Saus und
Braus, dem Image des Siegertypen, den alle bewundern. In seiner Fantasiewelt
schwebt der Handelsvertreter schon seit acht
Jahren, und er ist auf dem besten Weg, sein Leben zu ruinieren. Fast 100 000
Mark Schulden haben sich in seiner
"Spielerkarriere" angehäuft, Freunde hat er längst nicht mehr.
Geringes Selbstwertgefühl
Wenn Menschen wie Jens G. seelisch und finanziell am Ende sind, klopfen sie
früher oder später an die Tür der Psychosozialen
Beratungsstelle (PSB) des Caritasverbandes. Meist sind es allein stehende Männer
zwischen 25 und 39 Jahren, die drauf und
dran sind, Haus und Hof zu verspielen. Jährlich suchen 30 bis 40 Spielsüchtige
Hilfe in der Beratungsstelle an der
Kardinal-Bertram-Straße.
Die Ursachen für den zerstörerischen Drang nach dem schnellen Reichtum liegen
häufig in der Kindheit. Oft erhielten die
Klienten der Caritas von ihren Eltern Geldgeschenke, aber wenig Zuneigung. "Geld
statt Liebe", formuliert es Gerd Bender,
Leiter der PSB. Und fast immer leiden Spielertypen unter einem ausgeprägt
geringen Selbstwertgefühl. "Auch das ist ihnen von
zu Hause mitgegeben worden."
Der Leidensweg der Spieler ähnelt in vielem dem von Alkoholkranken. Oft
unterstützen Familienangehörige unbewusst die
Abhängigkeit. Sie gaukeln, wie der Betroffene selbst, Freunden und Bekannten
eine heile Welt vor, geben den Süchtigen sogar
Geld. Bei Abstinenz von der Glitzerwelt der Automaten können sich
Entzugserscheinungen einstellen: Schweißausbrüche,
Zittern oder starke Unruhe. Und wie bei Alkoholikern auch, lassen Spielsüchtige
sich oft erst dann auf eine Therapie ein, wenn
es schon fast zu spät ist.
"Extrem abhängige Spieler verlieren an manchen Tagen mehr als 1500 Mark an
Automaten", sagt Sozialarbeiter Martin Flegel
von der PSB. Sie füttern stundenlang nicht nur einen, sondern gleich zwei oder
drei Geräte mit Münzen. Und weil mindestens
40 Prozent des Einsatzes im Schacht der Automaten bleiben, kommen die meisten
Zocker mit leeren Taschen nach Hause.
Die Schuldenspirale dreht sich schnell. "Unsere Klienten stehen bei Banken und
Freunden im Durchschnitt mit 40 000 Mark in
der Kreide", meint Flegels Kollege Winfried König. Den traurigen Rekord beim
Schuldenmachen hält ein Mann, der fast 200
000 Mark verspielt hat. Wenn das Konto blank ist und die Freunde fort sind,
beschaffen sich manche Spielsüchtige auf anderen
Wegen Kapital für ihre Leidenschaft. Scheckbetrügereien und Diebstähle gehören
dazu. "Gewalt spielt aber fast nie eine Rolle",
sagt König.
Wer dem Teufelskreis Spielsucht entkommen will, ist auf die Hilfe von
Therapeuten angewiesen. Nur wenige schaffen es aus
eigener Kraft, die Finger von den Automaten zu lassen. "Die Spielgeräte sind wie
ein Partner für den Süchtigen", sagt
Caritas-Mitarbeiterin Annette Kratz. Spieler sind meist Einzelgänger. "Sie reden
sogar mit dem Automaten, bauen eine
regelrechte Beziehung zu ihm auf." Eines der Ziele einer Therapie ist es, den
Umgang mit Menschen zu lernen, Wut und Angst
auszuhalten, bei Konflikten nicht in eine Scheinwelt zu flüchten. Das
funktioniert am besten in einer Gruppe. Und natürlich geht
es um das Verhältnis zum Geld. "Wir versuchen unseren Klienten begreiflich zu
machen, dass Reichtum nicht der Schlüssel zu
Glück, Zufriedenheit und Anerkennung ist", sagt Sozialarbeiter Flegel.
Dass die Spielautomatenbranche, die in Deutschland jährlich mehr als elf
Milliarden Mark Umsatz macht, mit dem Prädikat
"Freizeitvergnügen" wirbt, ist für Gerd Bender ein schlechter Werbegag. "Das ist
schlicht Glücksspiel und gehört eigentlich
verboten."