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Der Traum vom schnellen Geld endet oft im Ruin
Medium:Hildesheimer Allgemeine Zeitung
Datum: 24.08.1999
Ausbruch aus dem Teufelskreis Spielsucht: Wenn Menschen Haus und Hof verzocken, hilft nur Therapie

(wü) Es geht schon wieder los, diese Schweißausbrüche, dieses Zittern der Hände. "Lass es", sagt der Verstand. "Heute klappt es", lockt eine magische Stimme. Der junge Mann ist hin- und hergerissen, läuft nervös auf und ab, dann ist der innere Kampf zu Ende. Wenig später sitzt er in einer Spielhalle, steckt ein Fünfmarkstück nach dem anderen in den Schlitz des Automaten.

Jens G. (Name von der Redaktion geändert) ist spielsüchtig. Er träumt vom ganz großen Gewinn, dem Leben in Saus und Braus, dem Image des Siegertypen, den alle bewundern. In seiner Fantasiewelt schwebt der Handelsvertreter schon seit acht Jahren, und er ist auf dem besten Weg, sein Leben zu ruinieren. Fast 100 000 Mark Schulden haben sich in seiner "Spielerkarriere" angehäuft, Freunde hat er längst nicht mehr.

Geringes Selbstwertgefühl

Wenn Menschen wie Jens G. seelisch und finanziell am Ende sind, klopfen sie früher oder später an die Tür der Psychosozialen Beratungsstelle (PSB) des Caritasverbandes. Meist sind es allein stehende Männer zwischen 25 und 39 Jahren, die drauf und dran sind, Haus und Hof zu verspielen. Jährlich suchen 30 bis 40 Spielsüchtige Hilfe in der Beratungsstelle an der Kardinal-Bertram-Straße.

Die Ursachen für den zerstörerischen Drang nach dem schnellen Reichtum liegen häufig in der Kindheit. Oft erhielten die Klienten der Caritas von ihren Eltern Geldgeschenke, aber wenig Zuneigung. "Geld statt Liebe", formuliert es Gerd Bender, Leiter der PSB. Und fast immer leiden Spielertypen unter einem ausgeprägt geringen Selbstwertgefühl. "Auch das ist ihnen von zu Hause mitgegeben worden."

Der Leidensweg der Spieler ähnelt in vielem dem von Alkoholkranken. Oft unterstützen Familienangehörige unbewusst die Abhängigkeit. Sie gaukeln, wie der Betroffene selbst, Freunden und Bekannten eine heile Welt vor, geben den Süchtigen sogar Geld. Bei Abstinenz von der Glitzerwelt der Automaten können sich Entzugserscheinungen einstellen: Schweißausbrüche, Zittern oder starke Unruhe. Und wie bei Alkoholikern auch, lassen Spielsüchtige sich oft erst dann auf eine Therapie ein, wenn es schon fast zu spät ist.

"Extrem abhängige Spieler verlieren an manchen Tagen mehr als 1500 Mark an Automaten", sagt Sozialarbeiter Martin Flegel von der PSB. Sie füttern stundenlang nicht nur einen, sondern gleich zwei oder drei Geräte mit Münzen. Und weil mindestens 40 Prozent des Einsatzes im Schacht der Automaten bleiben, kommen die meisten Zocker mit leeren Taschen nach Hause.

Die Schuldenspirale dreht sich schnell. "Unsere Klienten stehen bei Banken und Freunden im Durchschnitt mit 40 000 Mark in der Kreide", meint Flegels Kollege Winfried König. Den traurigen Rekord beim Schuldenmachen hält ein Mann, der fast 200 000 Mark verspielt hat. Wenn das Konto blank ist und die Freunde fort sind, beschaffen sich manche Spielsüchtige auf anderen Wegen Kapital für ihre Leidenschaft. Scheckbetrügereien und Diebstähle gehören dazu. "Gewalt spielt aber fast nie eine Rolle", sagt König.

Wer dem Teufelskreis Spielsucht entkommen will, ist auf die Hilfe von Therapeuten angewiesen. Nur wenige schaffen es aus eigener Kraft, die Finger von den Automaten zu lassen. "Die Spielgeräte sind wie ein Partner für den Süchtigen", sagt Caritas-Mitarbeiterin Annette Kratz. Spieler sind meist Einzelgänger. "Sie reden sogar mit dem Automaten, bauen eine regelrechte Beziehung zu ihm auf." Eines der Ziele einer Therapie ist es, den Umgang mit Menschen zu lernen, Wut und Angst auszuhalten, bei Konflikten nicht in eine Scheinwelt zu flüchten. Das funktioniert am besten in einer Gruppe. Und natürlich geht es um das Verhältnis zum Geld. "Wir versuchen unseren Klienten begreiflich zu machen, dass Reichtum nicht der Schlüssel zu Glück, Zufriedenheit und Anerkennung ist", sagt Sozialarbeiter Flegel.

Dass die Spielautomatenbranche, die in Deutschland jährlich mehr als elf Milliarden Mark Umsatz macht, mit dem Prädikat "Freizeitvergnügen" wirbt, ist für Gerd Bender ein schlechter Werbegag. "Das ist schlicht Glücksspiel und gehört eigentlich verboten."


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