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Die Spielsucht als Wirtschaftsfaktor
Medium:Neue Zürcher Zeitung
Datum: 22.07.1999
800 Dollar Jahresverlust je erwachsenen Australier.

Die Australier sind spielsüchtig: Die staatliche Produktivitätskommission hat entsprechende entlarvende Daten und Zahlen veröffentlicht. Aber auch die Regierungen der Gliedstaaten und Territorien werden immer mehr von Einnahmen aus Glücksspielen abhängig.

Die australische Produktivitätskommission hat dieser Tage den Entwurf eines Berichts über die Spiel- und Wettsucht der Australier («Australia's Gambling Industries») veröffentlicht. Die Ergebnisse überraschen wenig: In Australien wird mehr Geld verspielt und gewettet als irgendwo sonst in der Welt. Die Ursache dafür dürfte wohl in der Vergangenheit liegen. Als Kapitän Phillip 1788 in Sydney anlegte, stiegen zweiGruppen an Land, die Gefangenen und deren Wärter. Arm waren sie beide. Nur mit Glücksspielen und Wetten liessen sich Essen und Trinken und - mit Glück - gewisse Lebensbedingungen leicht verbessern. Seither hat sich die Spiel- und Wettsucht zu einem Wirtschaftsfaktor grösserer Ordnung entwickelt.

Horrende Verluste

Der Bereich (er umfasst alle Formen des Glücksspiels und von Wetten, vom Pferderennen über Kasinos zu Lotterien und Geldspielautomaten) setzt jährlich rund 80 Mrd. austr. $ um, wobei die Glückssucher in 7000 Spielstätten 11 Mrd. $ verlieren, die einem Verlust von 800 $ pro erwachsenem Australier entsprechen (zum Vergleich: Australien wendet jährlich 6 Mrd. $ für den Energiekonsum auf, 9 Mrd. $ für Haushaltgeräte und 13 Mrd. $ für Alkohol). Der Umsatz hat sich innert 15 Jahren verdreifacht. 21% der weltweit im Betrieb stehenden Geldspielautomaten sind inAustralien aufgestellt. 180 000 «einarmige Banditen» finden sich in Pubs, Klubs und den 13 Spielkasinos, die Hälfte davon im Gliedstaat New South Wales, wo Sydney liegt. Die Kommission ist zum Schluss gekommen, dass trotz den vielen Problemen, welche die Spielsucht mit sich bringt, die Volkswirtschaft letztlich doch profitiert, doch könne dieser Gewinn - zwischen 150 Mio. $ und 5,4 Mrd. $ - nur sehr grob geschätzt werden. Der Sektor beschäftigt landesweit 150 000 Personen.

Netto-Gewinn: «Wohlbefinden»

Ein Sprecher der Kommission gab zu verstehen, dass der Bericht mit einigen Legenden über die Spielsucht in Australien aufgeräumt habe. So etwa sei die immerwieder gehörte Behauptung, Glücksspiele und Wetten brächten überhaupt keine wirtschaftlichen Vorteile, widerlegt worden. Allerdings habe man auch feststellen müssen, dass die Behauptung, es gebe nur wenige an Spielsucht Leidende, nicht stimme: Rund 330 000 Personen (2,3% aller Personen über 18 Jahre), 40% davon Frauen, müssten als chronische Spieler eingestuft werden, die mehr als 12 000 $ pro Jahr verlieren. Diese Gruppe allein «erwirtschaftet» einen Drittel des Gesamtumsatzes. Jeder Spielsüchtige bezieht schätzungsweise fünf Personen in seine Probleme ein. Die Hälfte der süchtigen Spieler ist unter 35 Jahre alt, ein Viertel unter 25 Jahre. Die Kommission kam zum Schluss, dass der Bereich langfristig nur noch wenig Arbeitsplätze schaffen, kaum mehr Investitionen anziehen und wenig zum Wirtschaftswachstum beitragen wird. Der «Netto-Gewinn», so heisst es im Bericht, liege lediglich darin, dass der Durchschnittsspieler in den Genuss eines gewissen «Wohlbefindens» komme.

Der Bericht enthält einige Empfehlungen, so etwa die Bekanntgabe der Gewinnchancen an allen Geldspielautomaten. Weiter heisst es, dass der Bereich fürbesseren Konsumentenschutz sorgen müsse. Die Werbung sollte eingeschränkt undder Zugang zu Geldautomaten in der Nähe von Spielzentren erschwert werden. Eswird zudem empfohlen, das Wetten und Spielen über Internet nicht, wie in den USA, zu verbieten; eine «vorsichtige» Öffnung wird als weniger gefährlich erachtet.

Gliedstaaten leiden an Spielsucht

Die Kommission fordert die Schaffung unabhängiger Kontrollstellen in allen Gliedstaaten und Territorien. Wetten und Glücksspiele unterliegen in Australien der Kontrolle der Gliedstaaten. Diese werden zunehmend von den Wetteinnahmen abhängig und haben deshalb wenig Interesse an einer neutralen Kontrolle. In Südaustralien etwa ist der Anteil der Steuereinnahmen aus Glücksspielen an den Gesamteinnahmen innert 20 Jahren von 5% auf 14% gestiegen. Im Durchschnitt stellen Steuereinnahmen aus Glücksspielen 12% der Gesamteinnahmen der Staaten und Territorien dar (Westaustralien: 5,7%; Victoria: 15,2%). Die Regierungen selbst sind mithin spielsüchtig geworden, was sie daran zu hindern scheint, Verluste zu erkennen. Laut dem Bericht kostete die Spielsucht das Land im Fiskaljahr 1997/98 rund 5,2 Mrd. $, wenn der Produktivitätsverlust (187,6 Mio. $), Bankrotte, Gewalttätigkeit, Depressionen und Selbstmorde mit einberechnet werden. Demgegenüber verzeichneten die Gliedstaaten Einnahmen aus Spielsteuern von 3,8 Mrd. $.

Alle Gliedstaaten-Regierungen lehnen eine Einmischung des Commonwealth ab. Schatzminister Peter Costello, der sich über das wirkliche Ausmass der Spielsucht in Australien erstaunt zeigte, sagte, es gebe nach der Einführung der Konsumsteuer kaum mehr einen Grund für die Regierungen, sich auf Spieleinnahmen abzustützen, dadie Einnahmen aus der Konsumsteuer direkt den Gliedstaaten zufallen werden. Wie zu erwarten war, hat sich der Spiel-Sektor gegen die meisten Aspekte des Berichts verwahrt. Der Verband der Spielkasinos meinte, diese Etablissements seien ohnehin schon überreguliert. Der Regierungschef von Victoria, Jeff Kennett, der die Schaffung neuer Spiel- und Wettgelegenheiten bisher immer aktiv unterstützt hat, erklärte seinerseits, die Beteiligung an Glücksspielen liege im Ermessen des Einzelnen. Die bisherigen Kontrollen seien wirksam genug. - Der endgültige Bericht soll, unter Berücksichtigung der Reaktionen auf den Entwurf, im November veröffentlicht werden.


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