800 Dollar Jahresverlust je erwachsenen Australier.
Die Australier sind spielsüchtig: Die staatliche Produktivitätskommission
hat entsprechende entlarvende Daten und Zahlen veröffentlicht.
Aber auch die Regierungen der Gliedstaaten und Territorien werden
immer mehr von Einnahmen aus Glücksspielen abhängig.
Die australische Produktivitätskommission hat dieser Tage den
Entwurf eines Berichts über die Spiel- und Wettsucht der Australier
(«Australia's Gambling Industries») veröffentlicht. Die Ergebnisse
überraschen wenig: In Australien wird mehr Geld verspielt und
gewettet als irgendwo sonst in der Welt. Die Ursache dafür dürfte
wohl in der Vergangenheit liegen. Als Kapitän Phillip 1788 in
Sydney anlegte, stiegen zweiGruppen an Land, die Gefangenen und
deren Wärter. Arm waren sie beide. Nur mit Glücksspielen und Wetten
liessen sich Essen und Trinken und - mit Glück - gewisse Lebensbedingungen
leicht verbessern. Seither hat sich die Spiel- und Wettsucht zu
einem Wirtschaftsfaktor grösserer Ordnung entwickelt.
Horrende Verluste
Der Bereich (er umfasst alle Formen des Glücksspiels und von Wetten,
vom Pferderennen über Kasinos zu Lotterien und Geldspielautomaten)
setzt jährlich rund 80 Mrd. austr. $ um, wobei die Glückssucher
in 7000 Spielstätten 11 Mrd. $ verlieren, die einem Verlust von
800 $ pro erwachsenem Australier entsprechen (zum Vergleich: Australien
wendet jährlich 6 Mrd. $ für den Energiekonsum auf, 9 Mrd. $ für
Haushaltgeräte und 13 Mrd. $ für Alkohol). Der Umsatz hat sich
innert 15 Jahren verdreifacht. 21% der weltweit im Betrieb stehenden
Geldspielautomaten sind inAustralien aufgestellt. 180 000 «einarmige
Banditen» finden sich in Pubs, Klubs und den 13 Spielkasinos,
die Hälfte davon im Gliedstaat New South Wales, wo Sydney liegt.
Die Kommission ist zum Schluss gekommen, dass trotz den vielen
Problemen, welche die Spielsucht mit sich bringt, die Volkswirtschaft
letztlich doch profitiert, doch könne dieser Gewinn - zwischen
150 Mio. $ und 5,4 Mrd. $ - nur sehr grob geschätzt werden. Der
Sektor beschäftigt landesweit 150 000 Personen.
Netto-Gewinn: «Wohlbefinden»
Ein Sprecher der Kommission gab zu verstehen, dass der Bericht
mit einigen Legenden über die Spielsucht in Australien aufgeräumt
habe. So etwa sei die immerwieder gehörte Behauptung, Glücksspiele
und Wetten brächten überhaupt keine wirtschaftlichen Vorteile,
widerlegt worden. Allerdings habe man auch feststellen müssen,
dass die Behauptung, es gebe nur wenige an Spielsucht Leidende,
nicht stimme: Rund 330 000 Personen (2,3% aller Personen über
18 Jahre), 40% davon Frauen, müssten als chronische Spieler eingestuft
werden, die mehr als 12 000 $ pro Jahr verlieren. Diese Gruppe
allein «erwirtschaftet» einen Drittel des Gesamtumsatzes. Jeder
Spielsüchtige bezieht schätzungsweise fünf Personen in seine Probleme
ein. Die Hälfte der süchtigen Spieler ist unter 35 Jahre alt,
ein Viertel unter 25 Jahre. Die Kommission kam zum Schluss, dass
der Bereich langfristig nur noch wenig Arbeitsplätze schaffen,
kaum mehr Investitionen anziehen und wenig zum Wirtschaftswachstum
beitragen wird. Der «Netto-Gewinn», so heisst es im Bericht, liege
lediglich darin, dass der Durchschnittsspieler in den Genuss eines
gewissen «Wohlbefindens» komme.
Der Bericht enthält einige Empfehlungen, so etwa die Bekanntgabe
der Gewinnchancen an allen Geldspielautomaten. Weiter heisst es,
dass der Bereich fürbesseren Konsumentenschutz sorgen müsse. Die
Werbung sollte eingeschränkt undder Zugang zu Geldautomaten in
der Nähe von Spielzentren erschwert werden. Eswird zudem empfohlen,
das Wetten und Spielen über Internet nicht, wie in den USA, zu
verbieten; eine «vorsichtige» Öffnung wird als weniger gefährlich
erachtet.
Gliedstaaten leiden an Spielsucht
Die Kommission fordert die Schaffung unabhängiger Kontrollstellen
in allen Gliedstaaten und Territorien. Wetten und Glücksspiele
unterliegen in Australien der Kontrolle der Gliedstaaten. Diese
werden zunehmend von den Wetteinnahmen abhängig und haben deshalb
wenig Interesse an einer neutralen Kontrolle. In Südaustralien
etwa ist der Anteil der Steuereinnahmen aus Glücksspielen an den
Gesamteinnahmen innert 20 Jahren von 5% auf 14% gestiegen. Im
Durchschnitt stellen Steuereinnahmen aus Glücksspielen 12% der
Gesamteinnahmen der Staaten und Territorien dar (Westaustralien:
5,7%; Victoria: 15,2%). Die Regierungen selbst sind mithin spielsüchtig
geworden, was sie daran zu hindern scheint, Verluste zu erkennen.
Laut dem Bericht kostete die Spielsucht das Land im Fiskaljahr
1997/98 rund 5,2 Mrd. $, wenn der Produktivitätsverlust (187,6
Mio. $), Bankrotte, Gewalttätigkeit, Depressionen und Selbstmorde
mit einberechnet werden. Demgegenüber verzeichneten die Gliedstaaten
Einnahmen aus Spielsteuern von 3,8 Mrd. $.
Alle Gliedstaaten-Regierungen lehnen eine Einmischung des Commonwealth
ab. Schatzminister Peter Costello, der sich über das wirkliche
Ausmass der Spielsucht in Australien erstaunt zeigte, sagte, es
gebe nach der Einführung der Konsumsteuer kaum mehr einen Grund
für die Regierungen, sich auf Spieleinnahmen abzustützen, dadie
Einnahmen aus der Konsumsteuer direkt den Gliedstaaten zufallen
werden. Wie zu erwarten war, hat sich der Spiel-Sektor gegen die
meisten Aspekte des Berichts verwahrt. Der Verband der Spielkasinos
meinte, diese Etablissements seien ohnehin schon überreguliert.
Der Regierungschef von Victoria, Jeff Kennett, der die Schaffung
neuer Spiel- und Wettgelegenheiten bisher immer aktiv unterstützt
hat, erklärte seinerseits, die Beteiligung an Glücksspielen liege
im Ermessen des Einzelnen. Die bisherigen Kontrollen seien wirksam
genug. - Der endgültige Bericht soll, unter Berücksichtigung der
Reaktionen auf den Entwurf, im November veröffentlicht werden.