Nur ein wenig Phantasie und man glaubt sich ins mondäne Baden-Baden
versetzt. "Rien ne va plus", schnarrt der Croupier. Surrend setzt
sich das Roulette-Rad in Bewegung und dreht sich, bis mit einem
klackenden Geräusch die kleine weiße Kugel zur Ruhe kommt. Die
Gewinner jubeln, die Verlierer stöhnen in einem kleinen Chat-Fenster
auf dem Computerbildschirm. Die Stimme des Croupiers, das Surren
der Kugel, das Aufblitzen des rotierenden Rades das ganze Casino
ist elektronisch simuliert. Echt ist nur das Geld, um das gespielt
wird.
Im August 1995 öffnete die erste Online-Spielbank, Internet Casinos
Inc. (ICI), ihre virtuellen Tore. Gut drei Jahre später, im Dezember
1998, zählte der Nachrichtendienst Bloomberg bereits rund 800
Glücksspielangebote im World Wide Web. Roulette, Baccarat, Black
Jack, Poker, Würfelspiele, Münzautomaten, Sportwetten, Lotterien
jede erdenkliche Möglichkeit, Geld zu verzocken, existiert mittlerweile
im Netz. Sie alle haben gemeinsam, daß sie in Deutschland nicht
staatlich lizenziert und daher strafbar sind: Theoretisch drohen
dem Betreiber des Spiels bis zu zwei Jahre und dem Spieler bis
zu sechs Monate Gefängnis.
Der Markt für Internetglücksspiele explodiert: Im Jahr 1998 sollen
nach Schätzungen von Sebastian Sinclair, Analyst bei Christiansen/Cummings
Associates, 650 Millionen US-Dollar im Internet verspielt worden
sein. Bis 2001 soll die Zahl auf 2,3 Milliarden US-Dollar steigen.
Einer Studie der Financial Times zufolge werden die im Internet
umgesetzten Spiel-Einsätze im Jahr 2002 zusammengenommen 10,2
Milliarden US-Dollar betragen. Daß Online-Glücksspiel illegal
ist, tut seiner Beliebtheit kaum Abbruch. Die Behörden haben wenig
Chancen, der Täter habhaft zu werden. >=Das läuft an uns vorbei
ins Ausland. Wir können ja nicht das ganze Internet filtern und
kontrollieren, klagt Gerhard Raukuttis vom bayerischen Innenministerium.
Ein erfolgreiches Internetcasino kann eine Goldgrube sein. Nur
eineinhalb Millionen US-Dollar mußten die Gründer von ICI investieren
ein reales Casino auf der grünen Wiese zu bauen, kostet mehrere
Hundert Millionen Dollar. Websites wie die der ICI kommen mit
zwei Dutzend Angestellten aus, in den Zockerpalästen von Las Vegas
dagegen stehen oft Tausende auf der Lohnliste. Während die Spielbanken
in den USA normalerweise zwischen sechs und acht-zehn Prozent
der Einsätze als Gewinn buchen, macht ICI nach Aussage seines
Gründers Warren Eugene einen Schnitt von 24 Prozent.
Im Ausland finden die Glücksspielanbieter oft attraktive Bedingungen
vor. Vor allem die Karibikinsel Antigua mit ihren 80 000 Einwohnern
gilt als das Las Vegas des Online-Glücksspiels: 41 virtuelle Casinos
und Buchmacher sind dort lizenziert. Sie profitieren von einer
Freihandelszone, die die seit 1981 unabhängige ehemaligebritischeKolonie
eingerichtet hat: Casinos zahlen jährlich 100 000 US-Dollar an
die Regierung, Buchmacher 75000 US-Dollar. Dafür sind sie von
Steuern und Abgaben befreit.
Daß Glücksspiel im Internet in vielen Ländern illegal ist, hat
gute Gründe. Zum Beispiel das Problem der krankhaft Spielsüchtigen:
Wer die Kontrolle über sein Spiel verloren hat, ist im Internet
besonders gefährdet. In realen Casinos bleibt ein Rest an sozialer
Kontrolle Ausweiskontrollen, freiwillige Spielsperren oder zumindest
die Aufmerksamkeit der Mitspieler. Der Internet-Spieler dagegen
kann Millionen verzocken, ohne daß irgend jemand auch nur Notiz
davon nimmt. Howard Shaffer, Chef der Suchtabteilung der Harvard
Medical School, vergleicht das Internetspiel gar mit der Killerdroge
Crack: >=So wie das Rauchen von Crack die Erfahrung des Kokainkonsums
verändert hat, so wird die Elektronik die Spielerfahrung verändern.
Dazu kommt, daß das Internet-Glücksspiel einen idealen Nährboden
für alle möglichen Arten von Kriminalität abgibt: Schmutziges
Drogengeld wird zu sauberen Spielgewinnen gewaschen geschützt
durch die Anonymität des Netzes und die Verschlüsselung der Übertragungsdaten.
Dem Dummenfang sind Tür und Tor geöffnet: Es gibt keinerlei Sicherheit,
daß Spielgewinne tatsächlich ausgezahlt werden. Ein gewisses Maß
an Verläßlichkeit garantiert immerhin die Tatsache, daß sich die
Nachricht von Betrügereien blitzschnell im Netz ausbreitet. Wer
seine Spieler prellt, hat bald keine mehr.
Ehrenkodex für Zocker
Einige Casinos werben mit einem Ehrenkodex um Vertrauen, den die
Lobbyorganisation Internet Gambling Council (IGC) ihren Mitgliedern
auferlegt. Doch auch die seriöseste Online-Spielbank muß mit Angriffen
von Hackern rechnen, die zu Lasten der Bank und der Mitspieler
die Spielergebnisse zu manipulieren versuchen oder die Kreditkartennummern
der Kunden ausspähen wollen. Im Fall von ICI floß der größte Teil
der inve-stierten 1,5 Millionen Dollar in die Absicherung der
Website gegen Hacker.
Das deutsche Strafgesetzbuch schützt mit dem Verbot des illegalen
Glücksspiels nicht nur die Bürger, sondern auch den Staatssäckel.
Die zuständigen Bundesländer verdienen viel Geld an den lizenzierten
Spielcasinos. In Deutschland führen die Spielbanken 80 bis 90
Prozent ihrer Gewinne jährlich rund eineinhalb Milliarden Mark
an den Fiskus ab. Von dem Geld, das seine Bürger im Internet durchbringen,
sieht der Finanzminister dagegen keinen Pfennig.
In den USA macht sich der Staat mit Nachdruck daran, den Glücksspielsumpf
im Internet trockenzulegen. Das US-Justizministerium hat im März
1998 gegen 22 Bürger der Vereinigten Staaten, die im Ausland Online-Spielbanken
betrieben, Ermittlungen eingeleitet. Justizministerin Janet Reno
fand markige Worte: >=Wir haben eine einfache Nachricht an alle
Betrieber von Internet-Wetten: Ihr könnt Euch weder online noch
im Ausland verstecken!
Die gegenwärtige Rechtslage in den USA ist jedoch nicht eindeutig
und überdies von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. Zusätzlich
kompliziert wird die Situation durch den rechtlichen Sonderstatus
der Ureinwohnerstämme, die dem bundesstaatlichen Recht nur eingeschränkt
unterworfen sind und daher in ihren Reservaten häufig eine blühende
Glücksspielindustrie errichten. Das Problem ist nur: Glücksspiel
im Internet macht auch nicht an Reservatsgrenzen halt. Der Stamm
der Coeur dAlène in Idaho, der seit 1998 eine Online-Lotterie
betreibt, liegt in deswegen einem nicht enden wollenden Streit
mit verschiedenen staatlichen Behörden.
Im Juni legte die National Gambling Impact Study Commission (NGISC)
nach zweijähriger Arbeit ihren Abschluß-bericht vor. Sie kam unter
anderem zu dem Schluß, daß Glücksspiele im Internet unter Beteiligung
von US-Bürgern auf Bundesebene ohne Ausnahmen verboten werden
sollten. Mit diesem Verbot soll jetzt ernst gemacht werden. Bereits
1997 beschloß der US-Senat ein bundesweites Verbotsgesetz, das
aber im Repräsentantenhaus in den Turbulenzen der Lewinsky-Affäre
unterging. Derzeit bereitet der Senat einen neuen Anlauf vor,
das Verbotsgesetz in Kraft zu setzen. Ob sich allerdings die Spielbankenbetreiber
im fernen Antigua davon beeindrucken lassen, ist zweifelhaft.
Maximilian Steinbeis