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Ihr Einsatz, bitte! Online-Casinos arbeiten rechtlich im Graubereich, was ihre Umsätze keineswegs schmälert
Medium:Süddeutsche
Datum: 20.07.1999
Nur ein wenig Phantasie und man glaubt sich ins mondäne Baden-Baden versetzt. "Rien ne va plus", schnarrt der Croupier. Surrend setzt sich das Roulette-Rad in Bewegung und dreht sich, bis mit einem klackenden Geräusch die kleine weiße Kugel zur Ruhe kommt. Die Gewinner jubeln, die Verlierer stöhnen in einem kleinen Chat-Fenster auf dem Computerbildschirm. Die Stimme des Croupiers, das Surren der Kugel, das Aufblitzen des rotierenden Rades das ganze Casino ist elektronisch simuliert. Echt ist nur das Geld, um das gespielt wird.

Im August 1995 öffnete die erste Online-Spielbank, Internet Casinos Inc. (ICI), ihre virtuellen Tore. Gut drei Jahre später, im Dezember 1998, zählte der Nachrichtendienst Bloomberg bereits rund 800 Glücksspielangebote im World Wide Web. Roulette, Baccarat, Black Jack, Poker, Würfelspiele, Münzautomaten, Sportwetten, Lotterien jede erdenkliche Möglichkeit, Geld zu verzocken, existiert mittlerweile im Netz. Sie alle haben gemeinsam, daß sie in Deutschland nicht staatlich lizenziert und daher strafbar sind: Theoretisch drohen dem Betreiber des Spiels bis zu zwei Jahre und dem Spieler bis zu sechs Monate Gefängnis.

Der Markt für Internetglücksspiele explodiert: Im Jahr 1998 sollen nach Schätzungen von Sebastian Sinclair, Analyst bei Christiansen/Cummings Associates, 650 Millionen US-Dollar im Internet verspielt worden sein. Bis 2001 soll die Zahl auf 2,3 Milliarden US-Dollar steigen. Einer Studie der Financial Times zufolge werden die im Internet umgesetzten Spiel-Einsätze im Jahr 2002 zusammengenommen 10,2 Milliarden US-Dollar betragen. Daß Online-Glücksspiel illegal ist, tut seiner Beliebtheit kaum Abbruch. Die Behörden haben wenig Chancen, der Täter habhaft zu werden. >=Das läuft an uns vorbei ins Ausland. Wir können ja nicht das ganze Internet filtern und kontrollieren, klagt Gerhard Raukuttis vom bayerischen Innenministerium.

Ein erfolgreiches Internetcasino kann eine Goldgrube sein. Nur eineinhalb Millionen US-Dollar mußten die Gründer von ICI investieren ein reales Casino auf der grünen Wiese zu bauen, kostet mehrere Hundert Millionen Dollar. Websites wie die der ICI kommen mit zwei Dutzend Angestellten aus, in den Zockerpalästen von Las Vegas dagegen stehen oft Tausende auf der Lohnliste. Während die Spielbanken in den USA normalerweise zwischen sechs und acht-zehn Prozent der Einsätze als Gewinn buchen, macht ICI nach Aussage seines Gründers Warren Eugene einen Schnitt von 24 Prozent.

Im Ausland finden die Glücksspielanbieter oft attraktive Bedingungen vor. Vor allem die Karibikinsel Antigua mit ihren 80 000 Einwohnern gilt als das Las Vegas des Online-Glücksspiels: 41 virtuelle Casinos und Buchmacher sind dort lizenziert. Sie profitieren von einer Freihandelszone, die die seit 1981 unabhängige ehemaligebritischeKolonie eingerichtet hat: Casinos zahlen jährlich 100 000 US-Dollar an die Regierung, Buchmacher 75000 US-Dollar. Dafür sind sie von Steuern und Abgaben befreit.

Daß Glücksspiel im Internet in vielen Ländern illegal ist, hat gute Gründe. Zum Beispiel das Problem der krankhaft Spielsüchtigen: Wer die Kontrolle über sein Spiel verloren hat, ist im Internet besonders gefährdet. In realen Casinos bleibt ein Rest an sozialer Kontrolle Ausweiskontrollen, freiwillige Spielsperren oder zumindest die Aufmerksamkeit der Mitspieler. Der Internet-Spieler dagegen kann Millionen verzocken, ohne daß irgend jemand auch nur Notiz davon nimmt. Howard Shaffer, Chef der Suchtabteilung der Harvard Medical School, vergleicht das Internetspiel gar mit der Killerdroge Crack: >=So wie das Rauchen von Crack die Erfahrung des Kokainkonsums verändert hat, so wird die Elektronik die Spielerfahrung verändern.

Dazu kommt, daß das Internet-Glücksspiel einen idealen Nährboden für alle möglichen Arten von Kriminalität abgibt: Schmutziges Drogengeld wird zu sauberen Spielgewinnen gewaschen geschützt durch die Anonymität des Netzes und die Verschlüsselung der Übertragungsdaten. Dem Dummenfang sind Tür und Tor geöffnet: Es gibt keinerlei Sicherheit, daß Spielgewinne tatsächlich ausgezahlt werden. Ein gewisses Maß an Verläßlichkeit garantiert immerhin die Tatsache, daß sich die Nachricht von Betrügereien blitzschnell im Netz ausbreitet. Wer seine Spieler prellt, hat bald keine mehr.

Ehrenkodex für Zocker

Einige Casinos werben mit einem Ehrenkodex um Vertrauen, den die Lobbyorganisation Internet Gambling Council (IGC) ihren Mitgliedern auferlegt. Doch auch die seriöseste Online-Spielbank muß mit Angriffen von Hackern rechnen, die zu Lasten der Bank und der Mitspieler die Spielergebnisse zu manipulieren versuchen oder die Kreditkartennummern der Kunden ausspähen wollen. Im Fall von ICI floß der größte Teil der inve-stierten 1,5 Millionen Dollar in die Absicherung der Website gegen Hacker.

Das deutsche Strafgesetzbuch schützt mit dem Verbot des illegalen Glücksspiels nicht nur die Bürger, sondern auch den Staatssäckel. Die zuständigen Bundesländer verdienen viel Geld an den lizenzierten Spielcasinos. In Deutschland führen die Spielbanken 80 bis 90 Prozent ihrer Gewinne jährlich rund eineinhalb Milliarden Mark an den Fiskus ab. Von dem Geld, das seine Bürger im Internet durchbringen, sieht der Finanzminister dagegen keinen Pfennig.

In den USA macht sich der Staat mit Nachdruck daran, den Glücksspielsumpf im Internet trockenzulegen. Das US-Justizministerium hat im März 1998 gegen 22 Bürger der Vereinigten Staaten, die im Ausland Online-Spielbanken betrieben, Ermittlungen eingeleitet. Justizministerin Janet Reno fand markige Worte: >=Wir haben eine einfache Nachricht an alle Betrieber von Internet-Wetten: Ihr könnt Euch weder online noch im Ausland verstecken!

Die gegenwärtige Rechtslage in den USA ist jedoch nicht eindeutig und überdies von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich. Zusätzlich kompliziert wird die Situation durch den rechtlichen Sonderstatus der Ureinwohnerstämme, die dem bundesstaatlichen Recht nur eingeschränkt unterworfen sind und daher in ihren Reservaten häufig eine blühende Glücksspielindustrie errichten. Das Problem ist nur: Glücksspiel im Internet macht auch nicht an Reservatsgrenzen halt. Der Stamm der Coeur dAlène in Idaho, der seit 1998 eine Online-Lotterie betreibt, liegt in deswegen einem nicht enden wollenden Streit mit verschiedenen staatlichen Behörden.

Im Juni legte die National Gambling Impact Study Commission (NGISC) nach zweijähriger Arbeit ihren Abschluß-bericht vor. Sie kam unter anderem zu dem Schluß, daß Glücksspiele im Internet unter Beteiligung von US-Bürgern auf Bundesebene ohne Ausnahmen verboten werden sollten. Mit diesem Verbot soll jetzt ernst gemacht werden. Bereits 1997 beschloß der US-Senat ein bundesweites Verbotsgesetz, das aber im Repräsentantenhaus in den Turbulenzen der Lewinsky-Affäre unterging. Derzeit bereitet der Senat einen neuen Anlauf vor, das Verbotsgesetz in Kraft zu setzen. Ob sich allerdings die Spielbankenbetreiber im fernen Antigua davon beeindrucken lassen, ist zweifelhaft.

Maximilian Steinbeis


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