Warum sich Psychiater ernsthaft Sorgen machen über die magische
Anziehungskraft von Börsen und Aktien -von Cornelia Bolesch Hamburg, 11. August Der kleine Hörsaal B
der Hamburger Universität war am vorletzten Tag des XI. Weltkongresses
für Psychiatrie Schauplatz einer ungewöhnlichen Begegnung: Da
stellten zunächst amerikanische Mediziner und Psychiater neue
Medikamente vor, die krankhafte Glücksspieler davor bewahren könnten,
sich um Kopf und Kragen zu zocken. Anschließend aber referierten
zwei deutsche Professoren, der Physiker Peter A. Henning und der
Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Hankel, über die Börse.
Hankel kritisierte die >=Irrationalität der permanenten weltweiten
Aktiengeschäfte und Henning beschwor ihre gefährliche >=Magie.
Doch im dichten Geflecht von Hunderten von konkurrierenden Vorträgen
und Symposien über Schizophrenie, Angststörungen und Alzheimer
hatten nur wenige Dutzend Zuhörer den Weg in Hörsaal B gefunden,
um über die Elemente von Sucht und Krankheit ausgerechnet in jener
globalen ökonomischen Spielhalle zu diskutieren, in der immer
mehr Deutsche möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen
wollen.
>=Das Interesse hätte größer sein müssen, meint der Psychotherapeut
Iver Hand, der die wissenschaftliche Präsentation in Hörsaal B
organisiert hat. Der Hamburger Professor ist mit seinem Angebot
auf dem Psychiatertreffen dennoch zufrieden: >=Das Glückspiel
ist zu einer der umsatzstärksten Industrien der Welt geworden.
Und zum erstenmal ist auf einem internationalen Kongress jetzt
die weltweit zunehmende krankhafte Spielsucht in ihren ökonomischen
Bezügen präsentiert worden.
Iver Hand ist Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universitätsklinik
in Hamburg-Eppendorf. Dorthin wenden sich Menschen, die vom Roulette
oder von Glücksspielautomaten nicht mehr loskommen und sich mit
ihrer Sucht ruinieren. Es sind, erzählt Hand, alles Patienten
mit >=kleinen magischen Philosophien. Alle glauben sie, dass ihr
Spielsystem >=perfekt ist und sie es nur noch nicht perfekt genug
beherrschen. Vereinzelt hat er mit Menschen zu tun, >=die an der
Börse gescheitert sind.
Doch diese Begegnungen waren es nicht, die ihn animierten, der
internationalen Psychiatergemeinde das pathologische Glückspiel
und die Börse als therapiebedürftige Zwillingsschwestern zu präsentieren.
>=Ich bin politisch interessiert, sagt Hand. Das Börsengeschehen
beobachte er >=als Verhaltensanalytiker. Der Hamburger Professor
verteufelt die Börse nicht einfach, schließlich hat er selbst
>=ein wenig Geld in einem Fonds angelegt. Was ihm Sorgen macht,
ist die >=abnorme Entwicklung des Aktienmarktes, etwa durch Spekulanten,
deren Aktivitäten nichts mit realen wirtschaftlichen Werten oder
Bezügen zu tun hätten, sondern mit riskanten psychologischen Vorhersagen,
wie sich die anderen Mitspieler verhalten.
Für Iver Hand sind die Börsenplätze zum >=idealen Spielfeld für
Emotionalität geworden, von der ganze Volkswirtschaften abhängen
können. Immer hektischer, so kritisiert er, würden auch in Deutschland
neue Spieler angeworben. >=So machen Sie ihr Glück zwölf Schritte
zur finanziellen Freiheit oder >=Der Daytrading-Meister und seine
zehn Regeln heißen die einschlägigen Titel der Wirtschaftsmagazine.
Was aber, fragt er sich, bedeute es langfristig für die Stabilität
eines Staates, wenn der Wert von realer Arbeit sinkt >=und es
nur von Glück und Zufall abhängt, ob man zu den Gewinnern oder
den Verlieren gehört?. Iver Hand befürchtet >=extreme Zukunftsängste
und in ihrer Folge gefährliche Aggressionen, wenn es international
nicht gelingen sollte, die Börse einem Regelwerk der Vernunft
zu unterwerfen.
Mit seiner Börsenkritik ist Iver Hand nicht allein. Hierzulande
ist es vor allem Ex-Kanzler Helmut Schmidt, der in vielen Zeitungsartikeln
und Vorträgen vor den >=größenwahnsinnigen Raubtierkapitalisten
gewarnt hat. In der konservativen Zunft der Psychiater aber, die
ihren Blick lieber auf kranke Individuen als kranke Gesellschaften
richtet, gehört der Hamburger Psychotherapeut Iver Hand noch zu
einer Minderheit. Immerhin hat der Weltverband seine Kombination
der Phänomene Glücksspiel und Börse für den Hamburger Kongress
>=sofort akzeptiert. In drei Jahren, in Yokohama, wird sich die
internationale Elite der Psychiater dann vielleicht ausführlicher
mit dem befassen, was nicht nur Helmut Schmidt den >=globalen
Irrsinn nennt.