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Verloren in der globalen Spielhalle
Medium:Süddeutsche
Datum: 12.08.1999
Warum sich Psychiater ernsthaft Sorgen machen über die magische Anziehungskraft von Börsen und Aktien -von Cornelia Bolesch Hamburg, 11. August Der kleine Hörsaal B der Hamburger Universität war am vorletzten Tag des XI. Weltkongresses für Psychiatrie Schauplatz einer ungewöhnlichen Begegnung: Da stellten zunächst amerikanische Mediziner und Psychiater neue Medikamente vor, die krankhafte Glücksspieler davor bewahren könnten, sich um Kopf und Kragen zu zocken. Anschließend aber referierten zwei deutsche Professoren, der Physiker Peter A. Henning und der Wirtschaftswissenschaftler Wilhelm Hankel, über die Börse.

Hankel kritisierte die >=Irrationalität der permanenten weltweiten Aktiengeschäfte und Henning beschwor ihre gefährliche >=Magie. Doch im dichten Geflecht von Hunderten von konkurrierenden Vorträgen und Symposien über Schizophrenie, Angststörungen und Alzheimer hatten nur wenige Dutzend Zuhörer den Weg in Hörsaal B gefunden, um über die Elemente von Sucht und Krankheit ausgerechnet in jener globalen ökonomischen Spielhalle zu diskutieren, in der immer mehr Deutsche möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen wollen.

>=Das Interesse hätte größer sein müssen, meint der Psychotherapeut Iver Hand, der die wissenschaftliche Präsentation in Hörsaal B organisiert hat. Der Hamburger Professor ist mit seinem Angebot auf dem Psychiatertreffen dennoch zufrieden: >=Das Glückspiel ist zu einer der umsatzstärksten Industrien der Welt geworden. Und zum erstenmal ist auf einem internationalen Kongress jetzt die weltweit zunehmende krankhafte Spielsucht in ihren ökonomischen Bezügen präsentiert worden.

Iver Hand ist Leiter der Verhaltenstherapie-Ambulanz der Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf. Dorthin wenden sich Menschen, die vom Roulette oder von Glücksspielautomaten nicht mehr loskommen und sich mit ihrer Sucht ruinieren. Es sind, erzählt Hand, alles Patienten mit >=kleinen magischen Philosophien. Alle glauben sie, dass ihr Spielsystem >=perfekt ist und sie es nur noch nicht perfekt genug beherrschen. Vereinzelt hat er mit Menschen zu tun, >=die an der Börse gescheitert sind.

Doch diese Begegnungen waren es nicht, die ihn animierten, der internationalen Psychiatergemeinde das pathologische Glückspiel und die Börse als therapiebedürftige Zwillingsschwestern zu präsentieren. >=Ich bin politisch interessiert, sagt Hand. Das Börsengeschehen beobachte er >=als Verhaltensanalytiker. Der Hamburger Professor verteufelt die Börse nicht einfach, schließlich hat er selbst >=ein wenig Geld in einem Fonds angelegt. Was ihm Sorgen macht, ist die >=abnorme Entwicklung des Aktienmarktes, etwa durch Spekulanten, deren Aktivitäten nichts mit realen wirtschaftlichen Werten oder Bezügen zu tun hätten, sondern mit riskanten psychologischen Vorhersagen, wie sich die anderen Mitspieler verhalten.

Für Iver Hand sind die Börsenplätze zum >=idealen Spielfeld für Emotionalität geworden, von der ganze Volkswirtschaften abhängen können. Immer hektischer, so kritisiert er, würden auch in Deutschland neue Spieler angeworben. >=So machen Sie ihr Glück zwölf Schritte zur finanziellen Freiheit oder >=Der Daytrading-Meister und seine zehn Regeln heißen die einschlägigen Titel der Wirtschaftsmagazine. Was aber, fragt er sich, bedeute es langfristig für die Stabilität eines Staates, wenn der Wert von realer Arbeit sinkt >=und es nur von Glück und Zufall abhängt, ob man zu den Gewinnern oder den Verlieren gehört?. Iver Hand befürchtet >=extreme Zukunftsängste und in ihrer Folge gefährliche Aggressionen, wenn es international nicht gelingen sollte, die Börse einem Regelwerk der Vernunft zu unterwerfen.

Mit seiner Börsenkritik ist Iver Hand nicht allein. Hierzulande ist es vor allem Ex-Kanzler Helmut Schmidt, der in vielen Zeitungsartikeln und Vorträgen vor den >=größenwahnsinnigen Raubtierkapitalisten gewarnt hat. In der konservativen Zunft der Psychiater aber, die ihren Blick lieber auf kranke Individuen als kranke Gesellschaften richtet, gehört der Hamburger Psychotherapeut Iver Hand noch zu einer Minderheit. Immerhin hat der Weltverband seine Kombination der Phänomene Glücksspiel und Börse für den Hamburger Kongress >=sofort akzeptiert. In drei Jahren, in Yokohama, wird sich die internationale Elite der Psychiater dann vielleicht ausführlicher mit dem befassen, was nicht nur Helmut Schmidt den >=globalen Irrsinn nennt.


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