Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99
Miese Stimmung am Roulette-Tisch
Medium:Frankfurter Rundschau
Datum: 28.07.1999
Wiesbadener Croupiers beklagen Druck und Mobbing /Konzession für Frankfurt?

Von Margit Fehlinger

Dicke Luft in der Wiesbadener Spielbank: Nach wie vor liegen Croupiers untereinander und mit der Geschäftsleitung im Clinch. Daß der jahrelange Konflikt nicht unter der Decke zu halten ist,kommt den Konzessionären höchst ungelegen: Sie bemühen sich nämlich gerade um die Linzenz einer Spielbank im Frankfurter Flughafen.

WIESBADEN. Der schöne Schein trügt: Im gediegenen Weinsaal desKurhauses, in dem die Wiesbadener Spielbank residiert, zwischen holzvertäfelten Wänden und unter goldenen Friesen und einem prächtig funkelnden Kronleuchter, inmitten dieser ebenso prunkvoll wie distinguierten Atmosphäre, rumort es auch gut drei Jahre nach dem Streik noch kräftig in der Belegschaft. "Unterschwellig wird nach wie vor Druck gemacht", berichten Croupiers, die nicht genannt werden möchten, weil sie Sanktionen der Geschäftsleitung befürchten.

Die aufmüpfigen Mitarbeiter, deren Namen der Redaktion bekannt sind, sprechen von "massiver Arbeitszeitverdichtung, die mit einem immer stärkeren Überwachungssystem kombiniert" werde, und von "erheblichen Differenzen über die Art der Personalführung". "Da werden Kollegen imBeisein von Gästen abgekanzelt", schildert einer das ungemütliche Betriebsklima im Casino. Eigenverantwortung der Arbeitnehmer sei nicht gefragt, und wer sich nicht mit Loyalitätsbekundungen beim Geschäftsführer oder dem technischen Leiter anbiedere, könne seine berufliche Karriere in den Wind schreiben und habe am Arbeitsplatz Ärger ohne Ende zu gewärtigen.

Verdiente ältere Croupiers, die unter die Aufsicht studentischer Aushilfskräfte gestellt würden, fühlten sich erniedrigt und gedemütigt. Ein Riß gehe durch die Belegschaft: Auf der einen Seite die der Geschäftsleitung ergebenen Mitarbeiter, auf der anderen Kritiker, die sichnicht mundtot machen ließen. So sehr werde gemobbt und schikaniert, daß drei Kollegen dem seelischen Druck nicht standgehalten und psychotherapeutischer Hilfe bedurft hätten.

Der Psychologe scheiterte

Der Betriebsrat bestätigt die unerquickliche Stimmung zwischen Poker-und Roulette-Tischen, vermeidet aber zugleich diplomatisch alle Äußerungen, die den Konflikt verschärfen könnten: "Wir bemühen uns um Deeskalation", sagt Betriebsratsvorsitzender Joachim Markfort auf FR-Anfrage, und fügt hinzu: "Man kann schließlich nicht ewig mit gezückter Pistole herumlaufen." Die Arbeitnehmervertretung sei daran interessiert, die negativen Folgen der jahrelangen Auseinandersetzung endlich zu beenden und zu einem guten Betriebsklima zurück zu kommen. "Wir möchten die Geschäftsleitung dazu bewegen, ihre Bemühungen in dieser Richtung zu verstärken", sagt Markfort. Die Vermittlungsversuche des Psychologen, der nach dem Streik 1996 versuchen sollte, die zerstrittenen Parteien wieder zusammenzuführen, halten die rebellischen Croupiers fürgescheitert. Dessen Empfehlung, die Situation mit Einführung eines Qualitätsmanagements zu beruhigen, scheuen sie als "weiteres Instrument der Arbeitsreglementierung".

Geschäftsführer Klaus Gülker hat eine andere Wahrnehmung der Stimmungslage unter seinen Mitarbeitern: Er beruft sich auf die steigenden Besucherzahlen, die belegten, daß die Gäste zufrieden seien. Würden sie "großflächige" Verdrossenheit unter den Croupiers verspüren, hätten sienach Ansicht Gülkers die Wiesbadener Spielbank schon längst gemieden. Er bestreite nicht, daß es unter seinen Mitarbeitern noch "einen Kreis gibtder der Vergangenheit nachhängt und sich nicht umstellen kann oder will." Der Casino-Betrieb, der "Tag für Tag 4,4 Millionen Mark hin und herbewegt", sehe sich aber zu "einem Prozeß der ständigen Verbesserung" genötigt. Bei 200 Mitarbeitern an den Spieltischen könne man es da gar nicht allen recht machen.

Der Versuch Klaus Gülkers, den Konflikt unter der Decke zu halten, ist verständlich. Die Konzessionäre der Wiesbadener Spielbank, Achterfeld und Jahr, die auch das Hamburger Casino betreiben, möchten nun auch in Frankfurt Fuß fassen. Sie haben die Konzession der geplanten Spielbank im Flughafen beantragt und scheuen angesichts der bevorstehenden Entscheidung negative Schlagzeilen.


Archiv 10.1.98 - 20.4.99 | Archiv 20.4.99 - 16.12.99