Innenminister Fritz Behrens hat in NRW eine vierte Spielbank genehmigt.
Als Standort wurde Duisburg ausgewählt. Düsseldorfer Landes- und
Kommunalpolitiker gehen derweil auf die Barrikaden und fordern
ihrerseits ein Stück des profitablen Kuchens.
Nicht bedacht wird, daß jedes weitere Glücksspielangebot zwangsläufig
dazu beiträgt, daß die Zahl der Spielsüchtigen weiter steigen
wird. Das sollten die Politiker, die das vierte nordrhein-westfälische
Spielcasino einfordern, wissen. Und vor allem sollten sie auch
bereit sein, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Wer nur auf
die Steuereinnahmen starrt, handelt kurzsichtig.
Natürlich hat das Glücksspiel auch positive Seiten: Für viele
Menschen stellt es ein harmloses Freizeitvergnügen dar, bringt
Spannung in den Alltag und viel Geld in die chronisch leeren öffentlichen
Kassen. Auch für wohltätige Zwecke wird ein Teil der Gewinne eingesetzt.
Einige soziale Projekte wären ohne diese Finanzspritzen wohl nicht
realisierbar.
Und dennoch: Es gibt auch die andere Seite der Medaille, Menschen,
die vom Glücksspiel abhängig werden, die sich und ihre Familien
ruinieren.
Insbesondere Casinospiele wie Roulette oder auch die sogenannten
Einarmigen Banditen, die in den Automatensälen der Casinos aufgestellt,
und die völlig unkontrolliert zugänglich sind, haben ein hohes
Suchtpotential. Das ist seit langem bekannt.
Nicht umsonst gab es noch bis vor wenigen Jahren das Residenzverbot,
das besagte, daß die Bürger der eigenen Stadt keinen Zutritt zum
Casino hatten.
Abgesehen von einigen wenigen Gesundheits- und Sozialpolitikern
haben Glücksspielsüchtige und ihre Familien keine Lobby. Die politische
Mehrheit schielt ausschließlich nach den Steuereinnahmen.
Und dabei erweist sich das Glücksspiel in hohem Maße als sozial
unverträglich: Folgen der Glücksspielsucht sind u. a.:
hohe Verschuldung, Arbeitsplatzverlust, Wohnungsverlust, Kriminalität,
massive familiäre Störungen, Selbstmordgefährdung, Folgekosten
für die öffentlichen Kassen (Sozialämter, Arbeitsämter, Krankenkassen,
Rentenversicherer etc.)
Neueren Berechnungen zufolge nähert sich die Zahl der beratungs-
und behandlungsbedürftigen Glücksspieler (90.000 bis 150.000)
-sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern- der
Zahl der Drogenabhängigen an. Nicht zu vergessen sind in diesem
Zusammenhang die in erheblichem Maße mitbetroffenen Familien.
Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Politik mit dem gleichen
Engagement für die Belange Glücksspielsüchtiger einsetzen würde
wie für die Glücksspielanbieter. Lautstark melden sich Politiker
zu Wort, wenn es darum geht, Geld aus dem Glücksspieltopf abzukassieren.
Wo ist die Polit Prominenz, wenn es darum geht, ein Beratungs-
und Behandlungsangebot für Glücksspielsüchtige einzurichten und
abzusichern? Obwohl sie aufgrund ihrer exzessiven Spielweise viel
zu den hohen Umsatzzahlen der Glücksspielbranche beitragen, finden
Glücksspielsüchtige häufig keine Ansprechpartner,
wenn es um die Behandlung ihrer Sucht geht. In die Beratung und
Behandlung von pathologischen Glücksspielerinnen und -spielern
wird nämlich so gut wie kein Geld investiert.
Beispiel Düsseldorf: Einzige Anlaufstelle für Glücksspielsüchtige
in der Landeshauptstadt ist eine Selbsthilfegruppe. Bis Mitte
der neunziger Jahre bot die Diakonie ein Beratungsangebot an,
das aus finanziellen Gründen eingestellt werden mußte. Hätte es
eine derart vehemente Unterstützung seitens der Kommunal- und
Landespolitiker gegeben wie jetzt beim Streit um den Spielbankstandort,
gäbe es dieses Beratungsangebot noch. Wetten daß?
Als einziges Bundesland hat Schleswig Holstein einen Passus in
sein Spielbankgesetz aufgenommen, der festlegt, daß ein Teil der
Spielbankabgabe für Hilfeeinrichtungen für Spielsüchtige zu verwenden
ist. Eine derart konsequente Lösung fehlt in den anderen Bundesländern
noch. In NRW gibt es landesweit nur drei (!) Beratungsstellen
(Herford, Neuss, Unna) , deren Förderung zudem Ende diesen bzw.
Mitte nächsten Jahres ausläuft.
Die Politik ist gefordert, eine Balance zwischen den Interessen
der Glücksspielanbieter, der Verbraucher und der Glücksspielsüchtigen
herzustellen. Das Glücksspiel bringt enorm hohe Einnahmen - ein
Teil davon muß in die Prävention, die Forschung und die Beratung
investiert werden.
Verantwortliche Politik kann sich nicht ausschließlich an fiskalischen
Interessen orientieren, sie muß soziale Komponenten und insbesondere
vorhersehbare Folgekosten einbeziehen.
Wer auf weitere Steuereinnahmen nicht verzichten will, muß die
Courage haben, für die Folgen einzustehen und darf sich vor allem
der Verantwortung für die Opfer nicht entziehen.
NRW: Einnahmen aus Glücksspielen (Lotteriesteuer, Rennwettsteuern,
Lotto, Toto, Spielbanken etc.)
Jahr gesamt in Mio. DM davon Spielbankabgabe in Mio. DM 1984 821
48 1985 903 74 1986 1 034 106 1987 1 093 104 1988 1 119 117 1989
1 149 136 1990 1 182 138 1991 1 270 152 1992 1 448 155 1993 1
428 171 1994 1 559 165 1995 1 471 161 1996 1 467 156 1997 1 472
170 1998 185* (Quelle: Statistisches Bundesamt / *WestSpiel)
Stand: 7. 6. 1999