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Fachverband Glücksspielsucht e.V. warnt eindringlich vor weiterem Ausbau des Glücksspielangebotes
Medium:fags
Datum: 12.08.1999
Innenminister Fritz Behrens hat in NRW eine vierte Spielbank genehmigt. Als Standort wurde Duisburg ausgewählt. Düsseldorfer Landes- und Kommunalpolitiker gehen derweil auf die Barrikaden und fordern ihrerseits ein Stück des profitablen Kuchens.

Nicht bedacht wird, daß jedes weitere Glücksspielangebot zwangsläufig dazu beiträgt, daß die Zahl der Spielsüchtigen weiter steigen wird. Das sollten die Politiker, die das vierte nordrhein-westfälische Spielcasino einfordern, wissen. Und vor allem sollten sie auch bereit sein, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Wer nur auf die Steuereinnahmen starrt, handelt kurzsichtig.

Natürlich hat das Glücksspiel auch positive Seiten: Für viele Menschen stellt es ein harmloses Freizeitvergnügen dar, bringt Spannung in den Alltag und viel Geld in die chronisch leeren öffentlichen Kassen. Auch für wohltätige Zwecke wird ein Teil der Gewinne eingesetzt. Einige soziale Projekte wären ohne diese Finanzspritzen wohl nicht realisierbar.

Und dennoch: Es gibt auch die andere Seite der Medaille, Menschen, die vom Glücksspiel abhängig werden, die sich und ihre Familien ruinieren.

Insbesondere Casinospiele wie Roulette oder auch die sogenannten Einarmigen Banditen, die in den Automatensälen der Casinos aufgestellt, und die völlig unkontrolliert zugänglich sind, haben ein hohes Suchtpotential. Das ist seit langem bekannt.

Nicht umsonst gab es noch bis vor wenigen Jahren das Residenzverbot, das besagte, daß die Bürger der eigenen Stadt keinen Zutritt zum Casino hatten.

Abgesehen von einigen wenigen Gesundheits- und Sozialpolitikern haben Glücksspielsüchtige und ihre Familien keine Lobby. Die politische Mehrheit schielt ausschließlich nach den Steuereinnahmen.

Und dabei erweist sich das Glücksspiel in hohem Maße als sozial unverträglich: Folgen der Glücksspielsucht sind u. a.:

hohe Verschuldung, Arbeitsplatzverlust, Wohnungsverlust, Kriminalität, massive familiäre Störungen, Selbstmordgefährdung, Folgekosten für die öffentlichen Kassen (Sozialämter, Arbeitsämter, Krankenkassen, Rentenversicherer etc.)

Neueren Berechnungen zufolge nähert sich die Zahl der beratungs- und behandlungsbedürftigen Glücksspieler (90.000 bis 150.000) -sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern- der Zahl der Drogenabhängigen an. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die in erheblichem Maße mitbetroffenen Familien.

Es wäre begrüßenswert, wenn sich die Politik mit dem gleichen Engagement für die Belange Glücksspielsüchtiger einsetzen würde wie für die Glücksspielanbieter. Lautstark melden sich Politiker zu Wort, wenn es darum geht, Geld aus dem Glücksspieltopf abzukassieren. Wo ist die Polit Prominenz, wenn es darum geht, ein Beratungs- und Behandlungsangebot für Glücksspielsüchtige einzurichten und abzusichern? Obwohl sie aufgrund ihrer exzessiven Spielweise viel zu den hohen Umsatzzahlen der Glücksspielbranche beitragen, finden Glücksspielsüchtige häufig keine Ansprechpartner,

wenn es um die Behandlung ihrer Sucht geht. In die Beratung und Behandlung von pathologischen Glücksspielerinnen und -spielern wird nämlich so gut wie kein Geld investiert.

Beispiel Düsseldorf: Einzige Anlaufstelle für Glücksspielsüchtige in der Landeshauptstadt ist eine Selbsthilfegruppe. Bis Mitte der neunziger Jahre bot die Diakonie ein Beratungsangebot an, das aus finanziellen Gründen eingestellt werden mußte. Hätte es eine derart vehemente Unterstützung seitens der Kommunal- und Landespolitiker gegeben wie jetzt beim Streit um den Spielbankstandort, gäbe es dieses Beratungsangebot noch. Wetten daß?

Als einziges Bundesland hat Schleswig Holstein einen Passus in sein Spielbankgesetz aufgenommen, der festlegt, daß ein Teil der Spielbankabgabe für Hilfeeinrichtungen für Spielsüchtige zu verwenden ist. Eine derart konsequente Lösung fehlt in den anderen Bundesländern noch. In NRW gibt es landesweit nur drei (!) Beratungsstellen (Herford, Neuss, Unna) , deren Förderung zudem Ende diesen bzw. Mitte nächsten Jahres ausläuft.

Die Politik ist gefordert, eine Balance zwischen den Interessen der Glücksspielanbieter, der Verbraucher und der Glücksspielsüchtigen herzustellen. Das Glücksspiel bringt enorm hohe Einnahmen - ein Teil davon muß in die Prävention, die Forschung und die Beratung investiert werden.

Verantwortliche Politik kann sich nicht ausschließlich an fiskalischen Interessen orientieren, sie muß soziale Komponenten und insbesondere vorhersehbare Folgekosten einbeziehen.

Wer auf weitere Steuereinnahmen nicht verzichten will, muß die Courage haben, für die Folgen einzustehen und darf sich vor allem der Verantwortung für die Opfer nicht entziehen.

NRW: Einnahmen aus Glücksspielen (Lotteriesteuer, Rennwettsteuern, Lotto, Toto, Spielbanken etc.)

Jahr gesamt in Mio. DM davon Spielbankabgabe in Mio. DM 1984 821 48 1985 903 74 1986 1 034 106 1987 1 093 104 1988 1 119 117 1989 1 149 136 1990 1 182 138 1991 1 270 152 1992 1 448 155 1993 1 428 171 1994 1 559 165 1995 1 471 161 1996 1 467 156 1997 1 472 170 1998 185* (Quelle: Statistisches Bundesamt / *WestSpiel)

Stand: 7. 6. 1999


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