15.03.99
35 Sekunden, und der 100er ist weg
An diesem Wochenende vor vier Jahren wurden im Kanton Zürich Geldspielautomaten verboten. Der Kreis der exzessiven Spieler hat sich verkleinert. Die neue Gefahr heisst Kasinos.
Von Claudia Banz
Er hat eine Freundin, 50 000 Franken Schulden und ein Spielproblem. "Ohne sie wäre es noch viel schwieriger", erzählt Markus C.* in einem Caf an der Langstrasse und drückt seiner Freundin einen Kuss auf die Wange. Seitüber zehn Jahren verspielt Markus alles Geld, das ihm in die Finger kommt. Angefangen hat der 27-Jährige, als er noch in der Schule war. Am Mittwochnachmittag ging er mit Kollegen flippern. Im Spielsalon haben sie schliesslich die Geldspielautomaten entdeckt. Die meisten seiner Kollegen hörten irgendwann wieder auf, er wechselte den Kollegenkreis.
Lohn in wenigen Stunden verspielt
In der Lehre verbrachte er seine Mittagspausen regelmässig vor dem Spielautomaten. In der Gewerbeschule spielte er in jeder Pause, oft kehrte er danach nicht wieder ins Schulzimmer zurück. Seinen Lohn hatte er in wenigen Stunden durch. In der Kasse seines Lehrbetriebs fehlte immer häufiger Geld. Irgendwie hat er es geschafft, die vierjährige Lehre als Sportartikelverkäufer abzuschliessen, ohne dass die Diebstähle aufgedeckt wurden. "Mit der Zeit wirst du eiskalt, du sagst soüberzeugend: Nein, ich wars nicht, dass der andere die Hand für dich ins Feuer legen würde." Wer sich mit ihm unterhält, den erstaunt das nicht, der 27-Jährige mit dem etwas bleichen und aufgedunsenen Gesicht hatäusserst charmante Seiten.
Markus entspricht dem "typischen Spieler", wie ihn Psychiater Mario Gmür beschreibt: sportlich, extrovertiert, reaktionsschnell, ein guter Rhetoriker und ein "Sunnyboy". Gmür war vor zehn Jahren einer der Ersten, der sich wissenschaftlich mit dem Problem auseinander zu setzen begann. Ungefähr 10 Prozent der Patienten, die sich in seiner Praxis auf das abgewetzte Sofa legen, haben ein Spielproblem. "Ich habe rund 40 Anmeldungen von Spielsüchtigen pro Jahr. Es ist allerdings ein kleiner Teil, der zu seiner Sucht steht, 95 Prozent bleiben anonym."
Weniger Süchtige seit dem Verbot
An diesem Wochenende sind es genau vier Jahre her, seit sich das Zürcher Stimmvolk für ein Verbot von Geldspielautomaten ausgesprochen hat. Damals hingen von den 10 000 in der Schweiz zugelassenen Automaten 6400 im Kanton Zürich. Allein in der Stadt Zürich gab es 68 Spielsalons. Nach dem Verbot ist die Zahl auf 13 geschrumpft, heute sind es 18.
Für Pascal R.* war das Verbot ein "riesiges Glück". Er hat den Ausstieg geschafft: Mit den Automaten ist auch seine Sucht verschwunden. "Ich hatte keine Entzugserscheinungen. Wenn die Automaten nicht an jeder Ecke stehen, habe ich kein Problem." Seit dem Verbot gibt es im Kanton Zürich viel weniger Spielsüchtige: "Der Unterschied ist wie Tag und Nacht", bestätigt Gmür. In den letzten vier Jahren habe er in seiner Praxis praktisch keine Neueinsteiger aus dem Kanton Zürich mehr gehabt. Die Anzahl der Patienten aber blieb sich gleich, "jetzt kommen sie aus andern Kantonen".
Auch Markus hat sichüber das Verbot gefreut. Eine Zeit lang hatte er seine Sucht im Griff - bis die Punktautomaten eingeführt wurden. Bei diesen Apparaten wird der Gewinn in Punkten und nicht in Bargeld ausbezahlt, das ist nach Paragraf 4 des Unterhaltungsgewerbegesetzes verboten. Der Spieler kann die gewonnenen Punkte wieder einsetzen oder sich vom Wirt eine Punktegutschrift ausstellen lassen. Es ist jedoch ein offenes Geheimnis, dass viele Zürcher Wirte bereit sind, die Gewinne auch bar auszuzahlen, wenn es ein Kunde verlangt. "Die Stammgäste werden immer ausbezahlt", sagt Markus, "von denen leben die Wirte ja." Die Anzahl der Punktautomaten wird im Kanton Zürich auf 2000 geschätzt. Offizielle Angaben gibt es keine, da es für diese Geräte keine Bewilligung braucht.
Jetzt wird mit Noten gespielt
Seit es die neuen Kästen gebe, sei es noch schlimmer geworden, beklagen sich die exzessiven Spieler, die den Ausstieg nicht geschafft haben. Im Gegensatz zu den alten Automaten schlucken die Punktautomaten auch Noten: "Mit diesen Apparaten hast du in 35 Sekunden einen 100er weg", sagt Markus. Auch im Lokal an der Langstrasse, wo wir uns unterhalten, hängt hinter der Tür zu den Toiletten ein Automat. "Wäre der Kasten in Sichtweite, würde er nur dorthin starren", erklärt Markus' Freundin trocken. Als sie sich in ihn verliebte, wusste sie noch nichts von seinem Problem. Nachdem sie es rausgefunden hatte, versprach er, es sei das letzte Mal gewesen.
Im nächsten Monat hat er tatsächlich weniger gespielt, dafür für 8000 Franken Benissimo-Lose gekauft. Das war vor zwei Jahren. Es gebe immer eine Möglichkeit, zu Geld zu kommen, erklärt Markus. Auto und Stereoanlage hat er längst verkauft, er hat Verwandte und Bekannte angepumpt, Kleinkredite aufgenommen und, wenn es sein musste, auch Eltern, Geschwister bestohlen. Auch seine Liebste blieb nicht verschont. "Wenn du Not hast, wirst du erfinderisch." Natürlich habe man ein schlechtes Gewissen, "aber im Moment, in dem du das Geld nimmst, hast du nur den Automaten im Kopf". Mit der Zeit könne man nicht mehr schlafen, "deshalb trinkst du auch mehr Alkohol". Wie sieht er seine Zukunft? Vorerst "Schulden tuggen". Das Problem sei, dass er als Verkäufer zu wenig verdiene. Wird er das Spielen aufgeben? Ganz aufhören, nein, das könne er nicht. Ein Spieler sei ein Spieler. "Für mich ist auch Verkaufen eine Art Spiel."
Züricher pendeln ins Casino Baden
Obwohl Markus auch schon Kleinkredite aufgenommen hat, um in Kasinos zu spielen, ist er ein typischer Punktautomatenspieler. "Warum sollte ich nach Baden fahren, wenn es auch eine Strasse weiter einen Kasten hat?" Von 700 bis 1000 Gästen, die täglich das "Stadtcasino" Baden besuchen, kommt rund ein Viertel aus Zürich. "Im Casino spielt eine gehobenere Klientel. 90 Prozent sind Stammkunden", erklärt Manager Ernesto Sommer. Die Einnahmen der Kasinos stammen zu 80 Prozent aus den Portemonnaies der Spielsüchtigen, sagt Mario Gmür.
Die Journalistin Irene F.* ist eine von ihnen. Die erfolgreiche Berufsfrau arbeitet viel, und wenn sie Geld hat - "das sind jeweils die ersten drei Tage nach dem Zahltag" -, fährt sie nach Baden. Ihre Spielleidenschaft hat die 38-Jährige um ihr ganzes Vermögen gebracht. Inzwischen lebt sie in einer billigen Einzimmerwohnung. Bei jedem Stellenwechsel hat sie sich die Pensionskassenbeiträge auszahlen lassen. Diese sind früher oder später bei einem Croupier oder in einem Automaten gelandet. Nachdem in Zürich die Automaten abgeschafft worden sind, hat sie eine Zeit lang nicht mehr gespielt.
Punktautomaten interessieren sie nicht, "vielleicht, weil dort kein Geld herauskommt". Obwohl sie in Baden mehr Geld verspielt, weil die Einsatzmöglichkeiten höher sind, ist sie froh, dass die Automaten in Zürich verboten sind. "Heute gehe ich für 60 Franken Mittag essen, früher habe ich das Geld verspielt." Meistens waren die Einsätze höher, Verlust und Gewinn animierten zum Weiterspielen, und sie kam oft nicht vor vier Uhr ins Büro zurück.
Bis im Jahre 2001 wird auch die Stadt Zürich mindestens ein Spielkasino haben. In Oerlikon ist eines mit 500, im Kongresshaus eines mit 300 Automaten geplant. Die Umsätze der beiden Unternehmen werden auf 100 resp. 53 Millionen geschätzt. Irene F. weiss, dass sie ihr Problem bis zu diesem Zeitpunkt im Griff haben muss. "Sonst wird es fatal, wenn die Versuchung vor der Haustür steht." Auch für Markus C. steht fest: "Bis Zürich ein Kasino bekommt, muss ich es gepackt haben." Pascal R., dem der Ausstieg gelungen ist, machen die Zürcher Spielkasino-Pläne weniger Sorgen.
"Für mich ist dort die Hemmschwelle grösser. Solange die Kästen nicht wieder an jeder Ecke stehen, sehe ich für mich kein Problem."
* Alle Namen geändert.
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