Bundesweiter Arbeitskreis Glüücksspielsucht

Auf der Freiheit 25, 32052 Herford, Tel.: 05221 / 5998 50 , Fax: 05221 / 5998 75

Internet: www.gluecksspielsucht.de / eMail: spielsucht@t-online.de

Vorstand: Martina Allstedt, Suchtzentrum Leipzig

Ilona Füchtenschnieder, Diakonisches Werk Herford e. V.

Dr. Bert Kellermann, Chefarzt i. R., Klinikum Nord, Hamburg

Andreas Lindner, Therapiezentrum Münzesheim

Dr. Gerhard Meyer, Universitäät Bremen

 

 

Bundesweiter Arbeitskreis Glücksspielsucht

 

 

Offener Brief  an die ARD

 

Herford, den 27. 8. 1998

 

Der Bundesweite Arbeitskreis Glücksspielsucht nimmt Stellung zur LOTTO-SHOW der ARD

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit Erstaunen haben wir zur Kenntnis genommen, daß künftig auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine eigene LOTTO-SHOW haben wird. Aufgeboten ist ein Millionenetat, ein exponierter Sendeplatz, eine populäre Moderatorin und das Versprechen, auf die schnelle Millionär zu werden.

Anvisiert ist wie immer eine hohe Quote, die es angesichts der aufgeführten Zutaten wohl auch geben wird. Bis hierher unterscheidet sich das Konzept der Sendung nicht von der "SKL-Show" von RTL mit Günther Jauch.

Ist das beabsichtigt? Oder anders gefragt: Gilt es inzwischen als naiv, von einem öffentlich-rechtlichen Sender etwas mehr Tiefgang, Weitblick oder gar soziale Verantwortung zu erwarten, als von der privaten Konkurrenz?

Im Ernst: Die Meldung einiger Zeitungen, die LOTTO-SHOW der ARD solle das Glücksspiel aus der Lottobude in die Glamourwelt großer Fernsehunterhaltung holen, ist aus unserer Sicht alles andere als verdienstvoll. Wir -im BAG organisierte Suchttherapeuten,Ärzte und Wissenschaftler aus dem gesamten Bundesgebiet- betrachten diese Entwicklung eher mit großer Sorge. Wird doch damit fortgesetzt, was die Lottogesellschaften schon jetzt mit ihremüberdimensionierten Werbeetat anstreben: Deutschland einig Zockerland!

Das Lottospiel ist das verbreitetste Glücksspiel in Deutschland. Das einfache Lottotippen (im Gegensatz zum Systemspiel) hat zwar von seiner Spielstruktur her ein geringeres Suchtpotential, trägt aber durch ausgeklügelte Werbekampagnen wesentlich dazu bei, eine Glücksspielmentalität innerhalb der Bevölkerung zu fördern.

Gut gemachte Fernseh- und Kinospots, Postwurfsendungen, Zeitungsbeilagen, Sonderziehungen und nun auch Fernsehshows haben das alleinige Ziel, die Teilnahme am Glücksspiel als völlig harmlos darzustellen, das Glücksspielfieber weiter anzuheizen und das Glücksspiel ganz allgemein salonfähig zu machen.

Und dabei ist es in Deutschland offiziell verboten! Nach § 284 -286 StGB dürfen Glücksspiele nur unter staatlicher Aufsicht und Kontrolle durchgeführt werden. Nach einer Feststellung des Bundesgerichtshofes soll das Glücksspielmonopol des Staates dazu dienen, "die wirtschaftliche Ausbeutung der Spielleidenschaft des Publikums unter staatliche Kontrolle und Zügelung zu nehmen." (BGH ST, 11, 209).

Angesichts der starken Expansion des Glücksspielmarktes und der exzessiven Werbekampagnen kann von Kontrolle und Zügelung allerdings schon lange keine Rede mehr sein.

Als Folge des wirtschaftlich großen Engagements der verschiedenen Glücksspielanbieter (Lotto, Casinospiele, Geldspielautomaten) ist eine steigende Zahl Glücksspielsüchtiger zu verzeichnen. Neueren Berechnungen zufolge nähert sich die Zahl der beratungs- und behandlungsbedürftigen Glücksspieler (90 000 bis 150 000) -sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern- der Zahl der Drogenabhängigen an. Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die in erheblichem Maße mitbetroffenen Familien.

Die Folgen der Glücksspielsucht sind gravierend:

Natürlich kennen wir auch die positiven Seiten des Glücksspiels. Für die meisten Menschen stellt es ein harmloses Freizeitvergnügen dar, bringt Spannung in den Alltag und viel Geld in die chronisch leeren öffentlichen Kassen. Auch für wohltätige Zwecke wird ein Teil der Gewinne eingesetzt. Einige soziale Projekte wären ohne diese Finanzspritzen wohl nicht realisierbar.

Und dennoch: Es gibt auch die andere Seite der Medaille, Menschen, die vom Glücksspiel abhängig werden, die sich und ihre Familien ruinieren.

Und obwohl sie aufgrund ihrer exzessiven Spielweise viel zu den hohen Umsatzzahlen der Glücksspielbranche beigetragen haben, finden sie häufig keine Ansprechpartner, wenn es um die Behandlung ihrer Sucht geht. In die Beratung und Behandlung von pathologischen Glücksspielerinnen und -spielern wird nämlich so gut wie kein Geld investiert.

Wie werden Sie als öffentlich-rechtlicher Sender diesem Problem begegnen?

Einer Antwort von Ihnen sehen wir mit Interesse entgegen.


Mit freundlichen Grüßen

Ilona Füchtenschnieder

Vorsitzende BAG